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BKK ProVita

Die Reise zur Nachhaltigkeit oder: Wenn Unternehmen mehr Sinnhaftigkeit wagen

Clubhouse Talk #1 | Die BKK ProVita im Gespräch mit dem Ökoenergieversorger Polarstern und dem Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V.

Alle reden von Clubhouse, der neuen Audio-App, in der Menschen in digitalen „Räumen“ live miteinander diskutieren können. Wir haben sie ausprobiert: mit einem Talk zum Thema „Sustainability Journey“. Eingeladen waren Vertreter:innen von Unternehmensgrün (jetzt: Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V.) und Polarstern Energie sowie der BKK ProVita. Moderiert wurde der Talk von Angelica Bergmann (BKK ProVita). Wir bilden das einstündige Gespräch hier in einer leicht gekürzten Version ab.

Moderatorin Angelica Bergmann (BKK ProVita): Herzlich willkommen zu unserem ersten Clubhouse-Talk! Unser Thema heute ist die Sustainability Journey eurer Unternehmen. Nachhaltigkeit hat ja viel mit Werten wie z.B. Sinnhaftigkeit zu tun. Vor allem Vertreter:innen der Generation Y und Z wollen z. B. am liebsten bei sogenannten Unternehmen „mit Purpose“ arbeiten: Firmen, die nicht nur nach Gewinnmaximierung streben, sondern auch etwas Sinnstiftendes tun.


Die Speaker:innen

Katharina Reuter ist promovierte Agrarökonomin. Ursprünglich wollte sie Landwirtin werden, begab sich aber zunächst in Lehre und Forschung und entdeckte dort schnell das Thema Nachhaltigkeit für sich. Dieses „beackerte“ sie zunächst im Stiftungsbereich und landete schließlich im Verband: Seit 2014 ist sie Geschäftsführerin des Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (vormals UnternehmensGrün). Sie ist außerdem Mitbegründerin von Ecopreneur.EU sowie Co-Initiatorin von Entrepreneurs for Future. Außerdem ist sie Jurymitglied beim Deutschen Umweltpreis und Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

Simon Stadler ist Diplom-Wirtschaftsgeograph und arbeitete nach dem Studium als Projektmanager bei der Münchner Landwärme GmbH. Im Jahr 2011 gründete er mit zwei Freunden den Ökoenergieversorger Polarstern Energie. Dort ist er heute als Geschäftsführer verantwortlich für Organisation, Mitarbeitende und Kundenservice. Seit 2018 ist er außerdem Mitglied im Vorstand der Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V.

Michael Blasius absolvierte zuerst ein Medizinstudium und setzte sich danach im nationalen und internationalen Kontext mit der Behandlung und Vermeidung von Lebensstil bedingten Krankheiten, z.B. Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, auseinander. Seit 2018 geht er dem Thema als Hauptabteilungsleiter für Marketing und Gesundheitsförderung bei der BKK ProVita nach, Deutschlands erster klimaneutraler, nachhaltiger Krankenkasse. Er ist auch zuständig für die Bereiche Nachhaltigkeit und Wissenschaft.

Angelica Bergmann ist Journalistin und PR-Beraterin. Nach einem Tageszeitungs-Volontariat arbeitete sie u.a. in Agenturen und als Pressesprecherin bei einer Messegesellschaft. Seit 2018 verantwortet sie die Social-Media-Kommunikation der BKK ProVita.


Michael, wie kam es dazu, dass eine gesetzliche Krankenkasse – also ein von Hause aus eher konservatives Unternehmen und als „Körperschaft öffentlichen Rechts“ auch noch besonderen Restriktionen unterworfen – sich vor gut fünf Jahren neu ausgerichtet hat, relativ bald Teil der Gemeinwohl-Ökonomie wurde und als „BKK ProVita – Die Kasse fürs Leben.“ seitdem sehr nachhaltig agiert?

Michael Blasius (BKK ProVita): Eigentlich gibt es unsere Kasse schon sehr lang, seit 1862, unter diversen Namen. Sie hat sich 2014 komplett neu aufgestellt. Wir haben durch unseren Vorstand Andreas Schöfbeck ein ganz neues Denken entwickelt. Unser Gesundheitsverständnis ist seitdem geprägt von der Überzeugung, dass die persönliche Gesundheit und die Gesundheit des Planeten untrennbar verbunden sind. Wir sehen die Abhängigkeit des Menschen von einem intakten Ökosystem. Wir haben erst einmal angefangen, uns selber zu transformieren, um dies dann nach außen zu tragen.

Angelica Bergmann: Stichwort „Transformieren“: Für eine alteingesessene Krankenkasse ist es sicher eine Herausforderung, sowohl den bestehenden Kundenstamm bei dieser Transformation mitzunehmen, als auch die eigenen Mitarbeiter:innen, die zum Teil deutlich länger als seit 2014 am Start sind.

Wie war das bei euch, Simon? Ihr seid mit Polarstern Energie ja von Null gestartet, als ihr 2009 in den Energieversorger-Markt eingestiegen seid. Einen Markt, der schon immer ziemlich umkämpft war. Mich würde interessieren, welche Rolle die Werte bei der Gründung und dann auch im Aufbau und Ausbau eures Unternehmens gespielt haben?

SIMON STADLER, Gründer und Geschäftsführer Polarstern Energie

Simon Stadler (Polarstern Energie): Wie du richtig sagst, sind wir angetreten, den Energiemarkt zu verändern. Unser Slogan ist „Mit Energie die Welt verändern“. Es war von Anfang an klar, dass wir ausschließlich erneuerbare Energien verkaufen.

Allerdings fristete das ganze Thema damals noch ein Nischendasein. Wir waren ja vor allem angetreten, die Energiewende in den Wärmemarkt zu bringen. Wir wollten eigentlich als Großhändler auftreten und anderen Energieversorgern helfen, ein wirklich gutes, nachhaltiges Ökogas-Produkt auf den Markt zu bringen. Damals haben wir von großen Stadtwerken Sätze gehört wie „Wir gehen mit der Zeit, nicht vor der Zeit“. Das hat uns aber erst recht angespornt, doch in den Endkunden-Markt zu gehen und das, von dem wir so überzeugt waren, selber auf den Markt zu bringen.

Ich glaube, diese von Anfang an dagewesene Überzeugung für das, was wir tun, hat uns wahnsinnig dabei geholfen, unsere Geschichte immer wieder sehr emotional allen wichtigen Berührungsgruppen näherzubringen. Wir wurden ja gefördert, da hat man dann einen Business Angel – und immer mussten wir Leute überzeugen, dass wir genau die Richtigen sind, als drei junge Typen den Energiemarkt Richtung Nachhaltigkeit aufzurollen. Wenn man für eine Sache brennt, dann schafft man es, dass dieser Funke überspringt. Das hat wahnsinnig geholfen, neben den ersten Investoren auch die ersten Kunden und dann die ersten Mitarbeiter:innen hinter uns zu bringen. Inzwischen sind wir von drei auf über 30 Leute gewachsen.

Angelica Bergman: Stichwort Mitarbeiter gewinnen: Nutzt einem Unternehmen dabei die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit oder eben Sinnhaftigkeit?

Simon Stadler: Auf jeden Fall! Am Anfang vielleicht sogar noch mehr, wenn man noch knappere Ressourcen hat und die ersten Projekte, wie z.B. das erste Werbevideo, übers Netzwerk, über den Freundeskreis oder auch selber macht. Da hilft es einfach sehr, wenn ein Sinn dahinter steht, hinter dem man selber steht und auch andere stehen können. Das hat sich bis heute aber eigentlich nicht verändert. Wir sind jetzt zwar ein etabliertes Unternehmen und zahlen marktübliche Gehälter, aber wir ziehen nach wie vor Mitarbeiter:innen vor allem deswegen an, weil wir mehr Sinn bringen als andere in unserer Branche. In jeder zweiten Bewerbung spielen Themen wie Gemeinwohlökonomie oder Energiewende eine ganz, ganz starke Rolle. Und diese Mitarbeitenden sind dann auch die, die wirklich engagiert sind. Sinnhaftigkeit hilft also in mehrfacher Hinsicht!

„Wenn man für eine Sache brennt, schafft man es, dass der Funke überspringt“ – Simon Stadler

Angelica Bergmann: Katharina, du hast eine andere Rolle, als Vertreterin eines Verbands. Verbände haben – ähnlich wie Krankenkassen – den Ruf, eher konservativ zu sein. Bei manchen Menschen haben sie vielleicht sogar einen schlechten Ruf, weil sie klassischerweise Lobbyarbeit als eine ihrer Kernaufgaben haben. Und Lobbyarbeit hat nicht immer einen positiven Ruf. Ist für euch Werteorientierung nicht ein Widerspruch in sich?

KATHARINA REUTER, Geschäftsführerin Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. | Foto: Stephan Röhl

Katharina Reuter: Bei uns ist das natürlich gar kein Widerspruch – und wer uns kennt, weiß auch, dass wir alles andere als konservativ sind! Was das Thema Lobbyismus angeht: Es braucht natürlich auch eine „Lobby for Good“. Es wäre ja schrecklich, wenn wir quasi nur die Lobbyarbeit der dunklen Seite der Macht hätten. Damit haben sowieso zu kämpfen. Es braucht auch die Kräfte, die wie wir für Rahmenbedingungen, für eine zukunftsorientierte Wirtschaft kämpfen.

Wir sind eine wichtige Kraft zu sagen, guckt mal, viele Unternehmen in der Wirtschaft sind zum Teil schon viel weiter als ihr in der Politik. Die haben tatsächlich „Bock“ auf Klimaschutz und sind schon vorangegangen, sind entweder schon klimaneutral oder machen sich auf den Weg dahin, haben vielleicht sogar Ideen, wie sie darüber hinaus klimapositiv wirken können. Es geht also schon in der Praxis. Was fehlt, ist das Zutrauen in eine mutigere Politik. Deshalb ist unsere „Lobby for Good“ aus meiner Sicht ganz wichtig.

Natürlich passt auch die Werteorientierung sehr gut zu uns. Wir haben sogar ein neues Wort erfunden: „WERTschaften“ statt wirtschaften. Das soll bedeuten, dass Unternehmen mit Gemeinwohlorientierung und sozialer Nachhaltigkeit im Sinn werteorientiert wirtschaften. Wir beobachten übrigens auch, dass unsere Mitgliedsunternehmen weniger Probleme haben, Fachkräfte zu rekrutieren, weil bei ihnen die Menschen Jobs mit Sinn finden. Und das ist auch für die Mitarbeiterbindung ganz wichtig. Man weiß ja, dass in vielen Unternehmen bis zu 70 Prozent der Belegschaft bereits innerlich gekündigt haben. Das gilt für die Mitarbeitenden in unseren Unternehmen zum Glück nicht!

Angelica Bergmann: Euren Verband gibt’s ja schon seit bald 30 Jahren, nächstes Jahr feiert ihr Jubiläum. Das finde ich sehr beeindruckend bei diesem Thema! Du bist zwar nicht von Anfang an dabei, sondern seit 2014 als Geschäftsführerin. Trotzdem die Frage: Was hat sich verändert im Lauf der Zeit? Wie war es vor 30 Jahren, zum Thema WERTschaften an den Start zu gehen? Auch wenn es das Wort vermutlich noch nicht gab…

„Wir haben sogar ein neues Wort erfunden: WERTschaften“ – Katharina Reuter

Katharina Reuter: Ja, wie war das vor 30 Jahren? Da war es noch nicht en vogue, Wirtschaft und Umwelt zusammenzudenken. Da trafen ein Jungliberaler, der aus der Jungen Union ausgetreten war, ein SPD-Politiker und zwei grüne Unternehmer zusammen und wollten eine andere Stimme aus der Wirtschaft organisieren. Sie saßen im Stuttgarter Landtag zusammen und haben unseren Verband „UnternehmensGrün“ gegründet. Im Lauf der Zeit gab es immer wieder wichtige Fokus-Themen, wo der Verband sich einbringen konnte. So wurde mit Hermann Scheer gemeinsam das Erneuerbare-Energien-Gesetz entwickelt. Heute sind wir einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftsverbände in Deutschland und werden als nachhaltige Stimme aus der Wirtschaft immer lauter.

Angelica Bergmann: Das Thema Nachhaltigkeit ist tatsächlich im Moment sehr en vogue. Auch bei Kund:innen: Im Marketing 3.0 wird der Kunde nicht mehr nur als Käufer betrachtet, sondern als ganzer Mensch, der soziale Verantwortung übernehmen und einen Beitrag leisten will. Und das erwarten die heutigen Kund:innen umgekehrt auch von den Unternehmen, deren Produkte oder Dienstleistungen sie kaufen. Wie gelingt euch als Krankenkasse eine werteorientierte Kommunikation, die neue potenzielle Kund:innen anzieht, ohne die alten zu vergraulen?

MICHAEL BLASIUS, Hauptabteilungsleiter Marketing & Gesundheitsförderung BKK ProVita | Foto: Wolfgang Zwanzger

Michael Blasius: Das ist eine Herausforderung. Es geht ja nicht nur darum, den bestehenden Kund:innenstamm zu halten, sondern auch zu wachsen. Nicht um des Wachstums willen, sondern um ein noch stärkeres Gewicht im Markt zu haben und auch zu zeigen, dass wir mit unserer nachhaltigen Ausrichtung erfolgreich sein können.

Wir haben festgestellt: Wir müssen gar nicht missionieren, um neue Mitglieder zu gewinnen, sondern wir können die abholen, die schon in dieselbe Richtung denken wie wir, was das Thema Nachhaltigkeit angeht. Die merken, wir haben ein Problem, und es geht mich was an. Und dann für sich Entscheidungen treffen: Wie kann ich nachhaltiger leben? Die anfangen, Plastik zu vermeiden, nachhaltig zu reisen, weniger Fleisch zu essen, ihr Konsumverhalten zu ändern. Und irgendwann kommt dann die Frage: Wem gebe ich mein Geld, mein Vertrauen, wer ist mein Partner?

Im besten Fall können wir sogar selber von den Ideen lernen, die aus der Community kommen. Das ist eigentlich das Komfortable, und diese Augenhöhe im Austausch finde ich total wichtig. Aber sie ist – speziell im Gesundheitswesen – noch ausbaufähig.

Angelica Bergmann: Liegt der Zusammenhang von Gesundheit und Nachhaltigkeit nicht auf der Hand?

Michael Blasius: Nein. Die Erkenntnis, dass Gesundheit und Klimawandel etwas miteinander zu tun haben, ist erst ganz vage da. Da haben wir einen klaren Fall von „kognitiver Dissonanz“. Also sowas wie rauchende Ärzte: Man weiß eigentlich, was man tun sollte, aber tut es nicht. Aber wenn man merkt, da gibt’s jemanden und da gibt’s jemanden, und wir tun uns zusammen und bewegen uns gemeinsam in eine Richtung: Das ist sehr erfüllend! Purpose heißt, Dinge gemeinsam anzugehen und dann festzustellen, das funktioniert. Mitstreiter:innen finden, die das Gleiche bewegt, die einem vertrauen und Partner sein wollen.

„Die Erkenntnis, dass Gesundheit und Klimawandel etwas miteinander zu tun haben, ist erst vage da.“ – Michael Blasius

Angelica Bergmann: Sind Mitstreiter auch wichtig für die eigene Glaubwürdigkeit? Es gibt ja inzwischen Unternehmen, die merken, dass man mit Nachhaltigkeit in Form eines grünen Anstrichs auf den ersten Blick auch schon ganz gut punkten kann, vielleicht seinen Absatz erhöht oder neue Kund:innen gewinnt. Ist die Idee, sich mit anderen nachhaltigen Unternehmen vernetzen, z. B. mit Startups, die ja von Anfang an nachhaltig sind, eine Möglichkeit, deutlich zu machen, dass man es mit der eigenen Nachhaltigkeit, dem eigenen „Purpose“ ernst meint?

Michael Blasius: Absolut! Aber für eine glaubwürdige Partnerschaft musst du erstmal deine Hausaufgaben machen. Das haben wir gemacht, indem wir uns CO2-Neutralität auf die Fahne geschrieben und auch umgesetzt haben. Auch die Gemeinwohl-Bilanz hilft uns an dieser Stelle sehr. Der Bilanzierungsprozess hat uns dazu gebracht, erst mal zu identifizieren: Wo können wir besser werden? Nur, wenn du dich ernsthaft mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzt und wirklich deine Hausaufgaben machst, kannst du mehr bewegen.

Ich kann auch nur unterstreichen, was Katharina zum Thema politischer Diskurs gesagt hat: Wir brauchen den intensiven Dialog wirklich aller relevanten Akteur:innen. Wir waren z.B. auch bei der Auftaktveranstaltung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie dabei. Ich halte es für extrem wichtig, auch die Politik zu aktivieren, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die wir brauchen, um auf eine vernünftige Art und Weise nachhaltig „WERTschaften“ zu können.

ANGELICA BERGMANN, Social Media Lead BKK ProVita | Foto: Wolfgang Zwanzger

Angelica Bergmann: Simon, ihr als Startup seid genau am anderen Ende der Skala, im Vergleich zu einer gesetzlichen Krankenkasse. Ist es für euch leichter, an Kunden zu kommen, weil ihr von Anfang an „aus einem Guss“ seid mit eurer Haltung und euren Werten?

Simon Stadler: Wir tun uns sicher ein bisschen leichter, was das Thema Glaubwürdigkeit angeht. Auf der anderen Seite fehlt einem als Gründer der „Track Record“, die Erfolgsbilanz. Den Energieversorger zu wechseln ist per se etwas, wovor viele Menschen erstmal Respekt haben: Fällt dann vielleicht der Strom aus? Da hatten wir erst mal mit ganz anderen Themen zu tun als „sind wir jetzt wirklich nachhaltig?“. Ein weiteres Problem war für uns natürlich die Reichweite. Ob Ökostrom oder „nur“ Strom, es ist ein wahnsinnig umkämpfter Markt. Es gibt unglaublich viel Geld in diesem Markt und gleichzeitig wahnsinnig niedrige Margen. Strom ist ein Produkt, das ganz stark über den Preis verkauft wird. Und da mussten wir erstmal sehr viel Arbeit investieren, um unsere Marke aufzubauen und dem Produkt wieder den Wert zurückzugeben, den es aus unserer Sicht eigentlich hat, aber den es durch andere Marktteilnehmer ein Stück weit verloren hat, weil man am Ende nur noch bei einem Vergleichsportal auf den Preis geschaut hat.

Angelica Bergmann: Ich weiß, dass ihr euch auch sehr stark vernetzt, Partnerschaften eingeht. Warum ist das für euch wichtig?

„Über die Gemeinwohl-Ökonomie sind neue Kooperationen entstanden“ – Simon Stadler

Simon Stadler: Wir haben ja vorhin schon über die „Lobby for Good“ gesprochen. Es gibt aber auch „Lobby“ als negativ behaftetes Wort, auch im Ökostrom-Markt. Wir mussten lange dafür kämpfen, dass man uns im Kreise der „Guten“ aufgenommen hat. Unser Ziel war es ja nicht, anderen Ökostromanbietern Kunden wegzunehmen, sondern den Markt insgesamt voranzubringen. Aber wir mussten hart arbeiten, um von diesen als Mitstreiter akzeptiert zu werden.

Dabei halfen auch wieder Kooperationen, dabei half die Gemeinwohl-Ökonomie, über die wieder neue Kooperationen entstanden sind mit etablierten Unternehmen… Und so kommen wir auch an unsere Kunden: nicht nur über den Preis, nicht über ein Riesen-Werbebudget, sondern vor allem über ein organisches Wachstum aus uns heraus, über Weiterempfehlungen. Und dazu gehören auch Kooperationen.

Angelica Bergmann: Michael, da sehe ich Parallelen zu euch als Krankenkasse. Auch da gibt es Vergleichsportale, und der Krankenkassen-Wechsel wird bei vielen Menschen durch einen günstigeren Tarif angestoßen. Wie schafft ihr es, euch hier zu behaupten, und welche Rolle spielen dabei Werte?

Michael Blasius: Ja, es ist tatsächlich ähnlich wie beim Ökoenergie-Anbieter, auch unser Produkt ist sehr vergleichbar: Im Kern sind 95 Prozent der Kassenleistungen im Sozialgesetzbuch vorgeschrieben, nur 5 Prozent können Kassen selber gestalten. Und das muss dann noch mit der Aufsicht abgestimmt werden… Das war auch einer der Gründe, warum wir gesagt haben, wenn wir schon so anders sind nach innen, dann wollen wir das auch nach außen tragen.

„Wir sind noch nicht angekommen. Wir sind mitten im Transformationsprozess“ – Michael Blasius

Wir waren allerdings am Anfang nicht ganz sicher, wie das im Markt angenommen wird. Wir haben ja wirklich sehr alte Träger-Unternehmen und auch Versicherte, die schon ihr ganzes Leben bei uns versichert sind. Und plötzlich ein völlig neues Auftreten, bis hin zum Corporate Design – wie kommt das an? Wir haben aber festgestellt, das funktioniert ganz gut! Und das hat uns ermutigt weiterzudenken. Aber natürlich kriegen wir auch Gegenwind, von außen und von innen. Da sind wir ganz ehrlich: Wir sind noch nicht angekommen. Wir sind mitten im Transformationsprozess. Aber auch das ist eine Art, authentisch zu kommunizieren und zu sagen: Hey, wir sind nicht perfekt, aber wir sind unterwegs.

Angelica Bergmann: Katharina, das Thema „Preis“ ist euch als Verband ja auch fast ein bisschen ein Dorn im Auge. Oder, um es positiv zu formulieren, eine Herzensangelegenheit: Ihr setzt euch für die „wahren“ Preise ein. Weil ihr wisst, dass nachhaltige Produkte und Dienstleistungen häufig teurer sind als konventionelle. Wie steht es um die wahren Preise?

„Wir kämpfen für ,wahre‘ Preise“ – Katharina Reuter

Katharina Reuter: Ja, wir kämpfen für wahre Preise – aber nicht, weil wir gerne alles günstiger hätten. Sondern weil es z.B. keinen fairen Markt für Klimaschutz gibt. Und keinen fairen Markt für nachhaltiges Wirtschaften. Und so sind dann eben, weil die Herstellung oft aufwändiger ist, nachhaltige Produkte im Regal am Ende teurer, obwohl sie eigentlich preiswerter sein müssten: Wenn wir mehr Wasserverschmutzung, höhere Gesundheitskosten durch Pestizid-Einsatz, mehr Energie und höherer CO2-Ausstoß einrechnen würden, hätten wir im Regal die Situation, dass die Produkte, die für Mensch und Umwelt besser sind, auch preiswerter sind. Wir müssen dahin kommen, dass Kerosin besteuert wird, dass Plastik, also Erdöl für die Kunststoffherstellung, besteuert wird. Es gibt lauter absurde Regelungen, die zurzeit dazu führen, dass beispielsweise Rezyklate (Recycling-Produkte) am Markt teurer sind.

Angelica Bergmann: Spürt ihr Gegenwind in der Wirtschaft, weil es von konventionellen Unternehmen wahrscheinlich wenig gewünscht ist, dass sich die Preisstruktur entsprechend ändern würde? Und wie kommt ihr dann an eure „Kund:innen“, also potentielle Mitgliedsunternehmen?

Katharina Reuter: Unser „Markt“ wächst auf jeden Fall. Das merken wir auch an den Mitgliedsanträgen. Aber klassische „Kaltakquise“ funktioniert bei uns nicht. Dafür ist unser „Produkt“, wenn ich es so nennen darf, zu erklärungsbedürftig: politische Lobbyarbeit für nachhaltiges Wirtschaften – um das zu verstehen, muss man uns erleben, mal ein Positionspapier von uns gelesen haben oder eine Empfehlung bekommen von einem Unternehmen, das schon von diesem starken Netzwerk, das wir sind, profitiert hat. Am besten kommen wir an unsere Kunden, also neue Mitgliedsunternehmen, wenn sie uns und unsere Arbeit erleben.

Angelica Bergmann: Das mit dem Erleben ist aktuell ja nur eingeschränkt möglich. Habt ihr trotzdem den Eindruck, dass die Corona-Krise das Thema Nachhaltigkeit eher befördert? Oder drängt Sie es in den Hintergrund?

Katharina Reuter: Absolut befördert! Weil Werte, die uns wirklich wichtig sind, durch die Krise nochmal in den Vordergrund gespült wurden. Also sowas wie Vertrauen in Produkte, weiß ich, was in den Sachen drin ist, wo es herkommt? Müssen wir nicht künftig viel stärker auf regionale Produktion setzen? Wie sieht es eigentlich mit der Widerstandsfähigkeit in der Lieferkette, also Resilienz, aus? Wie schaffen wir Strukturen auf Augenhöhe? Das sind alles Punkte, warum tatsächlich in der Krise die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten gestiegen ist.

Simon Stadler: Wir als Polarstern haben zuvor sehr stark von der „Fridays-for-Future“-Bewegung profitiert, die endlich das Thema Klimaschutz, Klimagerechtigkeit in den Mainstream gebracht hat. Das ist natürlich mit Corona erst mal fast komplett eingebrochen, das haben wir stark gemerkt. Aber jetzt sehen wir, dass die Themen wieder wichtiger werden und hoffentlich auch nachhaltig wichtiger werden.

„Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Gesundheit im 21. Jahrhundert.“ – Michael Blasius

Michael Blasius: Wir merken es natürlich schon stark. Zum einen, weil durch die Pandemie das Thema Gesundheit nochmal einen ganz anderen Stellenwert in der Gesellschaft bekommen hat. Das ist jetzt auf einmal ein Thema, das sehr, sehr massiv gekommen ist. Zum anderen ist durch die Krise deutlich geworden, dass disruptive Änderungen möglich sind. Und dann ist es ja auch so, dass die Pandemie zeigt, wie stark der menschliche Eingriff in die natürlichen Lebensräume das Überspringen der Spezies-Grenzen begünstigt hat. Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Gesundheit im 21. Jahrhundert. Dem müssen wir uns stellen.

Angelica Bergmann: Wo seht ihr die Rolle der Verbraucher? Können Kund:innen mehr tun, als sich bei einer nachhaltigen Krankenkasse zu versichern oder Ökostrom zu beziehen oder Bio-Obst zu kaufen?

Michael Blasius: Ja, definitiv! Das Konzept „Planetary Health“ bedeutet ja eine Änderung des Lebensstils, also die Umstellung auf pflanzenbasierte oder fleischarme, regionale Ernährung. Es gibt viele Möglichkeiten, wie die oder der Einzelne einen Impact haben kann: Das tut nicht nur mir gut, sondern tut auch dem Planeten gut. Viele sind jetzt auf dem Weg, sich das anzuschauen. Ich glaube, für sie ist es wichtig zu erkennen, dass sie nicht alleine sind. Es ist aber auch wahnsinnig wichtig, dass auf politischer Ebene etwas passiert. Auf beiden Ebenen versuchen wir, aktiv zu sein: nicht nur die Leute zu unterstützen, gesundheitsfördernd für sich selbst und den Planeten zu sein, sondern auch zu motivieren, sich zu engagieren. Das Gesundheitswesen ist hier noch richtig hinterher: Wir haben eine Milliarde Euro Umsatz am Tag in der Gesundheitswirtschaft und 10 Prozent der Beschäftigten – einer der wertschöpfendsten Wirtschaftszweige. Da ist es total frappierend, dass in diesem Segment das Verständnis für den notwendigen Wandel im allerbesten Fall fragmentarisch ist. Das muss sich einfach ändern!

„Ich halte es für wichtig, nicht mit erhobenem Zeigefinger zu kommen“ – Katharina Reuter

Katharina Reuter: Ich sag mal, mehr geht immer! Und wir freuen uns natürlich über jeden, der nicht nur Ökostrom bezieht, sondern auch die Krankenkasse, die Bank oder was auch immer wechselt und seinen Konsum nachhaltiger gestaltet. Ich halte es aber für wichtig, nicht mit erhobenem Zeigefinger zu kommen, sondern durch positives Mitreißen die Leute für diesen Wandel zu begeistern. Jeder geht seine individuelle Journey in Richtung Nachhaltigkeit. Und ich halte es für wichtig, dass politisch mehr passiert, aber auch mehr Unternehmen aufspringen.

Angelica Bergmann: Simon: Hast du ein Beispiel dafür, wie ihr es schafft, neben dem Kerngeschäft Leute mitzureißen? Stichwort „Isar-Cleanup“…

Simon Stadler: Ja, unser Cleanup zeigt ganz gut, wie einfach es ist, mal was zu machen: nämlich einfach loszuziehen und das Isar-Ufer aufzuräumen… Und das andere ist, dass wir solche Gelegenheiten wie heute nutzen, um andere Unternehmerinnen und Unternehmer anzustecken für das, wofür wir brennen. Also das eigene Geschäft dafür zu nutzen, diese Dinge voranzubringen. Nichts anderes haben wir gemacht: Wir wollten etwas für die Energiewende tun und haben ein Geschäftsmodell drumrum gebaut.

Das kann man als Gründer:in machen, man kann aber auch ein etabliertes Unternehmen wie die BKK ProVita so ausrichten, dass durch den Konsum der Leute was Gutes entsteht. Und dafür versuchen wir, die Leute zu begeistern – in meinem Fall auch noch zusätzlich bei der Gemeinwohl-Ökonomie in Bayern. Es ist ein langer Weg. Aber irgendwann werden wir die kritische Masse geknackt haben!

Angelica Bergmann: Manche Menschen, die zum ersten Mal das Wort „Gemeinwohl-Ökonomie“ hören, wundern sich und sagen „Das ist ja fast schon kommunistisch“, wenn ein Unternehmen nicht nach Gewinn streben soll. Was hältst du dem entgegen?

„Momentan werden Kosten auf die Umwelt, auf andere Generationen oder Regionen abgewälzt“ – Simon Stadler

Simon Stadler: Dass das eine das andere nicht ausschließt. Wir machen die Dinge nicht, weil wir dafür bei der Gemeinwohl-Ökonomie mehr Punkte bekommen, sondern wir machen sie aus Überzeugung und freuen uns, wenn die Gemeinwohl-Ökonomie-Matrix oder die Bilanz es entsprechend honoriert. Aber im Kern geht es ja darum, was Katharina vorhin gesagt hat: einen fairen Markt zu schaffen. Unternehmen, die was fürs Gemeinwohl tun, müssten eigentlich die sein, die am Günstigsten anbieten, weil sie am wenigsten Kosten externalisieren. Das finde ich einfach eine wahnsinnig gute Idee. Ob man das über die Gemeinwohl-Ökonomie erreicht oder über andere Instrumente, finde ich eigentlich egal. Momentan werden Kosten auf die Umwelt, auf andere Generationen oder in andere Regionen abgewälzt. Und da darf man nicht länger wegschauen.

Angelica Bergmann: Katharina, du bist wahrscheinlich am nächsten an der Politik dran. Gibt es Politiker:innen, die für Nachhaltigkeit brennen und wirklich etwas bewegen wollen?

Katharina Reuter: Die gibt’s auf jeden Fall, die dafür brennen. Es ist nur so, dass die sich dann oft in der eigenen Partei nicht durchsetzen können. Und ich beobachte, dass die klassischen Industrieverbände nicht nur mehr Geld und mehr Leute haben als wir, sondern bis tief in die Ministerien hinein, bis auf Verwaltungsebene in den letzten Jahrzehnten Verbindungen aufgebaut haben. Da haben wir alle gemeinsam die Aufgabe, ein bisschen näher hinzugucken.

Angelica Bergmann: Hast du eine Vision, wie es um die Nachhaltigkeit im Lande in zehn Jahren steht?

„Ich habe die Vision, das das ,weniger Wachsen‘ seinen Schrecken verliert“ – Katharina Reuter

Katharina Reuter: Ich bin ja von Grund auf optimistisch, daher habe ich die Vision, dass wir in zehn Jahren eine ambitioniertere Klimaschutzpolitik haben werden und auch die Ausbaupfade für die erneuerbaren Energien deutlich ausgeweitet sind. Und dass das Prinzip der Freiwilligkeit ersetzt wurde durch verbindliche Regeln für alle. Wenn wir faire Märkte organisieren wollen für Klimaschutz und für Sustainability, dann lasst uns die gleichen Regeln für alle machen – und nicht immer nur für die, die die schwereren Brocken schleppen, die als Pioniere vorangehen, wie die BKK ProVita, wie Polarstern. Und ansonsten habe ich die Vision, dass das „weniger Wachsen“ seinen Schrecken verliert. Wir müssen es schaffen, positive Zukunftsbilder zu malen und in unseren Köpfen zu verankern, die mit einem Weniger verbunden sind – aber mit einem Mehr an innerem Glück und Gemeinwohlorientierung und sozial gerechtem Wirtschaften.

Angelica Bergmann: Das klingt sehr schön! Simon und Michael: Wie sieht eure Vision einer nachhaltigeren Zukunft aus?

„Wir werden nicht weniger werden, sondern mehr“ – Simon Stadler

Simon Stadler: Ich sehe die durchaus positiv. Wir sind auf dem richtigen Weg und wir werden nicht weniger werden, sondern mehr. Ich hoffe, dass wir es schaffen, dass der Klimawandel nicht erst durchschlagen muss, sondern wir schon jetzt die Zeichen erkannt haben und frühzeitig agieren. Aber wir müssen mehr werden. Ich glaube, Corona hat uns gezeigt, dass es in vielen Dingen auch mit weniger geht. Man kann halt auch in einem 15-km-Radius schöne Dinge machen und glücklich sein. Ich wünsche mir, dass wir mehr werden, mehr Unternehmer:innen, die vorangehen, und dass auch mehr Verbraucher:innen diesen Weg beschreiten.

Michael Blasius: Ich bin genauso Grundoptimist wie Katharina und schließe mich auch Simon an: Es geht darum, die wirklichen Werte zu genießen. Das ist etwas, was wir vielleicht auch in den letzten Monaten gelernt haben: Wie wertvoll Dinge sind, die wir vorher für selbstverständlich erachtet haben. Wenn uns das gelingt, dann haben wir die Chance, wirklichen Wandel herbeizuführen.

„Ziel ist, dass das Thema Nachhaltigkeit im Sozialgesetzbuch oder sogar Grundgesetz verankert wird.“ – Michael Blasius

Ein wichtiges Ziel für die Zukunft ist auch, dass das Thema Nachhaltigkeit mindestens im Sozialgesetzbuch, am besten im Grundgesetz, verankert wird. Je eher, je besser! Die Unternehmen sind soweit. Das merke ich auch außerhalb unserer Bubble im Gesundheitswesen. Die sind soweit, die wollen die Rahmenbedingungen haben, um hier sicher planen zu können. Jetzt ist die Politik gefordert – quer durch alle Parteien.

Ich merke aber schon, da ist ein Umbruch. Und das muss gut kommuniziert werden – eher mit Genuss als mit Verzicht. Wenn wir Botschafter:innen haben, die das nach außen transportieren und noch mehr Menschen begeistern, oder Menschen, die schon unterwegs sind, zusammenführen, dann sehe ich durchaus positiv in die Zukunft.

Angelica Bergmann: Herzlichen Dank für diese sehr interessante Reise, die wir gemeinsam kommunikativ gemacht haben. Viel Erfolg weiterhin auf der „Sustainability Journey“!