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Der neue Leichtsinn: Minimalismus ist Trend

Weniger Ballast, mehr Gefühle – Tipps & Erfahrungen für mehr Freiraum

Von Karen Cop

Was soll in meinem Leben Platz haben – Besitz und Konsum? Oder möchte ich mehr Raum für Erfahrungen und Gefühle? Minimalismus ist das Stichwort für den entsprechenden Lebensstil. Wir haben Menschen befragt, die auf Ballast verzichten, um mehr Freiräume und den neuen „Leicht-Sinn“ zu gewinnen. Und zeigen Methoden und Tipps, die dabei helfen aufzuräumen, sich von überflüssigem Ballast zu trennen und minimalistisch zu leben.

Viel zu viele Kleiderstücke!

Mein Freund hat nur blaue T-Shirts. Dazu zwei gleiche Jeans. Alle paar Jahre kauft er eine neue: zieht sie aus dem Regal, bezahlt und geht. „So kaufen Männer ein!“, rief die Verkäufer:in beim letzten Mal. Hm, zumindest weiß er, was er will. Ich dagegen verbringe unendlich viel Zeit damit, mich in süßer Qual der Wahl mit der Frage „Was ziehe ich an?“ vor meinem prallen Kleiderschrank zu winden, während er längst andere Dinge unternimmt.

Das will ich auch! Schon weil diese Zahlen erschreckend sind: 4,7 Kilo Kleidung wirft jeder Deutsche jährlich weg, wir produzieren 391.752 Tonnen Textilabfall pro Jahr. „Rund 7.000 Liter Wasser verbraucht die Produktion einer einzigen Jeans“, klärt Greenpeace auf. „3.500 krebserregende, hormonell wirksame oder anderweitig giftige Chemikalien setzt die Textilindustrie ein, um Rohmaterialien zu bunt bedruckter Kleidungsstücke zu verarbeiten. Viele dieser Chemikalien findet man nicht nur im Umfeld der Fabriken, sondern rund um den Globus – in der Küstenluft von Südafrika, der Leber von Eisbären und in der Muttermilch.“

Mehrwert statt noch mehr Besitztümer

Dabei kennen die meisten von uns den Moment, den die Pop-Rock-Band Silbermond beschrieben hat: „Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst ’n Kabinett aus Sinnlosigkeiten, siehst das Ergebnis von kaufen und kaufen von Dingen, von denen man denkt, man würde sie irgendwann brauchen, siehst so viel Klamotten, die du nie getragen hast und die du nie tragen wirst … Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst. Du nimmst den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“

Also Schluss mit kurzen Glücksgefühlen, hin zu tief verwurzeltem Glück! Heißt: Platz schaffen für mehr Raum, in dem man nicht nur die Zeit zum Aufräumen spart. Auch Gedanken und Gefühle können freier schweifen, wenn sie nicht ständig an Besitztümern hängen bleiben, die „benutze mich“ oder „staub mich ab“ zu rufen scheinen.

Jetzt ausmisten? – Methoden und Tipps gegen überflüssigen Ballast

Zum Beispiel Denise Colquhoun alias „Fräulein Ordnung“ (fraeulein-ordnung.de) macht uns vor, wie wir ausmisten könne, um minimalistisch zu leben: „Trennt euch 30 Tage lang jeden Tag von einem Gegenstand aus eurem Haushalt (wer wirklich viel besitzt, kann sich auch jeden Tag von fünf oder zehn Teilen trennen). Packt die Dinge in einen großen Karton und entscheidet am Ende der 30 Tage, was verschenkt und was verkauft werden kann.“

So geht es auch: Shopping-Diäten Blogger:innen, Sabrina Krey (Niemblog.de), beschloss auf Konsum möglichst zu verzichten, und wenn es sein muss, nur gebraucht zu kaufen, „um möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen. Gerade an Klamotten ist ja unendlich viel bereits vorhanden!“

Die Künstlerin Sheena Matheiken setzte auf den Nachhaltigkeitsgedanken noch Kreativität und ein gemeinnütziges Ziel. Im Rahmen ihres „Uniform Project“ trug sie ein Jahr lang das gleiche schwarze Kleid, ergänzte es mit Accessoires wie Recyclingobjekten, fotografierte es, stellte es online und sammelte Geld für eine indische Bildungsorganisation.

Konsumverhalten ändern, Minimalismus leben lernen

Viele der neuen Minimalist:innen entwickelten sich langsam dazu.  So auch unser Kollege Stephan Lampel, Kundenberater der BKK ProVita in Berlin.

„Ich bin vor ein paar Jahren von einem 160-m2-Loft in ein 14-m2-WG-Zimmer gezogen“, erzählt er. Damals hat er viele Dinge verschenkt und verkauft und fühlte sich „erleichtert“. Als er vor zwei Jahren von Essen nach Berlin aufbrach, nahm er nur einen Koffer und eine Sporttasche mit. „Ich lebte ein halbes Jahr nur mit diesen Sachen – und es fehlte mir nichts.“ Das war sein Aha-Moment. „Wenn du Neues greifen möchtest, musst du die Hände frei haben.“

Stephan Lampel versucht seitdem, sich „weiter aus dem Konsumrad rauszudrehen“. Die nächste Frage stellte er sich im Sinne der Japanerin Marie Kondo, die mit ihrer Aufräummethode „KonMari“ berühmt geworden ist: Was macht mich glücklich? Inzwischen umgeben ihn nur noch Dinge, an denen er wirklich hängt.

Stephan Lampel beendete sogar „Freundschaften, in denen man sich alle sechs Monate traf, aber nicht viel zu sagen hatte.“ Seine Erfahrung damit?  „Meistens waren beide Seiten erleichtert“.

Stephan Lampel, BKK-ProVita-Berater, in seiner minimalistisch eingerichteten Wohnung in Berlin.

Sich trennen für mehr Gefühl

„Wer sich aus einer destruktiven Beziehung verabschiedet, spürt nach einer Trennung oft eine große Erleichterung“, sagt die Paartherapeutin Nadja von Saldern aus Berlin, die zu diesem Thema das Buch „Glücklich getrennt“ geschrieben hat. So wie Lara M., die sich nach dem Auszug der flügge gewordenen Kinder von ihrem Mann trennte und das Familienhaus räumte. „Ich habe manches Mal geweint – als ich auf mein Hochzeitskleid stieß, Spielsachen der Kleinen, die ersten Schuhe, Bilder …“ Manche Dinge konnte sie danach gut verabschieden und weggeben, andere packte sie lieber in einen Erinnerungskoffer. Heute lebt sie in einer kleinen Stadtwohnung und hält für die Zukunft an ihrer neuen Regel fest: „Wenn ich etwas Neues brauche oder wünsche, muss etwas anderes weiterziehen.“

Alltäglicher Minimalismus in der Familie

Dass ein minimalistischer und achtsamer Lebensstil auch mit einer wachsenden Familie möglich sein kann, zeigte Bianca Schäb, Designerin und Autorin. Sie begann vor der Geburt ihres Babys auszumisten, zunächst noch mit dem Plan, Platz für die Babysachen zu schaffen. In den ersten Monaten als Mama merkte sie dann aber, wie anstrengend es ist, „wenn in der ganzen Wohnung Zeug herumliegt und im Familienalltag Zeit für Wichtigeres gebraucht wird, als das von A nach B zu räumen“. Und sie erkannte, dass Babys gut ohne „Kinderwagen-Ferraris“ und ähnliches auskommen: „Ein Kind benötigt nicht viel, um glücklich zu sein und sich geborgen zu fühlen. Ein Mensch braucht nicht viel.“

EXTRA-TIPP

Gleich loslegen und Schritt für Schritt einen aufgeräumten Lebensstil entwickeln?  Hier geht’s lang:

Den PLAN für mehr Ordnung gibt’s auf unserer Website: www.bkk-provita.de/plan anklicken, downloaden und – 1. Schritt – nicht ausdrucken! Viel Erfolg.

Mehr zum Thema: Wenn das Chaos ausgebrochen ist

Die Kolumne von Bloggerin Lisa Albrecht (ichlebegruen.de) im Magazin fürs Leben

Dieser Beitrag ist Teil des neu gestalteten „Magazin fürs Leben“. Unsere Mitgliederzeitschrift (vormals „aktiv & gesund“) bietet dir viermal im Jahr viele spannende Themen.

Hier die aktuelle Ausgabe online lesen!

Über Karen Cop

Karen Cop ist Journalistin. Der BKK ProVita ist sie seit vielen Jahren als Autorin, seit einigen Jahren auch als Redaktionsleiterin des Mitgliedermagazins verbunden.

Ihre beiden Kinder sind schon groß, aber sie genießt es weiter, Mami zu sein: Weil es herrlich ist, durch die Augen seiner Kinder einen anderen Blick auf die Welt zu bekommen, und so schön, sich gegenseitig mit Aufmerksamkeit zu überschütten – auch wenn das manchmal anstrengend sein kann!