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BKK ProVita

Weniger Zucker für mehr Gesundheit

„Kinderüberzuckerungstag“ mahnt: Die Deutschen essen zu viel Zucker!

Am 11. August ist „Kinder-Überzuckerungstag“: der Tag, an dem die Kinder in Deutschland schon so viel Zucker gegessen haben, wie sie im ganzen Jahr 2020 maximal essen sollten. Doch nicht nur Kinder, alle Deutschen essen zu viel Zucker. Dies hat fatale Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Experten sind sich einig, dass der Zuckerkonsum gezielt reduziert werden muss.

Neben vielen anderen Maßnahmen kann auch die Einführung einer Zuckersteuer eine wirksame Maßnahme gegen den hohen Zuckerkonsum in Deutschland sein. Andreas Schöfbeck, Vorstand der BKK ProVita, fordert, die Einnahmen aus einer solchen Steuer den Krankenkassen zugute kommen zu lassen: Diese tragen schließlich auch die gesundheitlichen Folgekosten des zu hohen Zuckerkonsums – und die sind enorm.

Warum essen die Menschen zu viel Zucker?

13 Gramm Zucker sind in einer Tiefkühlpizza – wer hätte das gedacht? Das entspricht in etwa vier Stück Würfelzucker. Und das, obwohl eine Pizza eigentlich gar nicht süß ist und auf keinen Fall zu den so beliebten Süßspeisen zählt.

Im Alltag bleibt oft wenig Zeit, um einzukaufen und gesund zu kochen. Es muss schnell gehen und praktisch sein. Deshalb greifen viele Menschen zu Fertiggerichten und Fastfood oder essen mittags in der Kantine oder Mensa. Damit dieses Essen auch schmeckt, setzen viele Hersteller ihren Speisen Zucker zu – und daran haben sich die Menschen gewöhnt. Besonders viel Zucker wird Gerichten zugesetzt, die vor allem für Kinder hergestellt werden.

Prof. Andreas Michalsen

Der bekannte Arzt und Autor Prof. Dr. Andreas Michalsen, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der BKK ProVita, schreibt in seinem Buch „Mit Ernährung heilen“ :

„Inzwischen hat sich ein wahrer Zuckerrausch entwickelt. In fast jedem (Fertig-)Lebensmittel ist Zucker. Ohne Zweifel ist die Zuckereskalation beängstigend. Süßes kann süchtig machen, das haben Hirnforscher schon vor Jahren herausgefunden; Kinder sind besonders leicht anzufixen.“

Wieviel Zucker ist in Ordnung?

Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft e. V. (DAG) hat zusammen mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft e. V. (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) im Dezember 2018 in einem Konsensuspapier eine quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland abgegeben. Hier die wichtigsten Daten dazu :

  • Die maximale tägliche Zufuhr von freien Zuckern soll höchstens 10 Prozent der Gesamt-Energiezufuhr betragen.
  • Die geschätzte Zufuhr freier Zucker beträgt bei Frauen aktuell durchschnittlich rund 14 Prozent und bei Männern 13 Prozent ihrer Energiezufuhr.
  • Bei einer Gesamt-Energiezufuhr von 2.000 kcal sind 10 Prozent ca. 50 Gramm freier Zucker pro Tag.
  • Frauen verzehren durchschnittlich 61 Gramm Zucker pro Tag, Männer 78 Gramm.
  • Kinder und Jugendliche konsumieren bis zu 17,5 Prozent ihrer Energiezufuhr in Form von Zucker.
  • Die Zuckerzufuhr in Deutschland müsste durchschnittlich um mindestens 25 Prozent gesenkt werden!

Ist Zucker ungesund?

Die Auswirkungen des überhöhten Zuckerkonsums auf die Gesundheit sind dramatisch. Er führt zu folgenden Krankheiten:

  • Übergewicht
  • Adipositas
  • Diabetes mellitus Typ 2
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Karies
  • Krebs

Dazu kommt die aktuelle Gefahr, die von Covid-19 ausgeht: Menschen mit Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen zählen ganz klar zur Corona-Risikogruppe.

Folgekosten von zu hohem Zuckerkonsum für die Gesellschaft

Die gesamtwirtschaftlichen Folgekosten von zu hohem Zuckerkonsum sind sehr hoch. So werden allein die Folgekosten von Adipositas, die die Sozialkassen tragen müssen, auf ca. 30 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Rechnet man diesen Betrag um auf die rund 80 Millionen Menschen in Deutschland, entspricht die durchschnittliche Pro-Kopf-Belastung 375 Euro im Jahr – und zwar für jeden, egal ob gesund oder krank.

Welche Maßnahmen können gesunde Ernährung fördern?

Experten sind sich einig: In unserer Gesellschaft muss ein Umdenken stattfinden. Die Ernährungs-Trends müssen sein:

  • weg von billig, hin zu qualitativ hochwertig;
  • weg von süß, hin zu gesund;
  • weg von maximalem Vergnügen, hin zu nachhaltig und verantwortungsvoll und
  • weg von global, hin zu regional.

Solch ein Umdenken kann durch zahlreiche Maßnahmen eingeleitet und angeregt werden. Es gibt viele Ansätze:

1. Kennzeichnung gesunder Lebensmittel

Zuallererst ist es wichtig, dass Verbraucher auf den Lebensmittelverpackungen den Gehalt an Nährstoffen leicht erkennen können. Deshalb soll die Wertigkeit von Lebensmitteln für die tägliche Nahrung künftig mit einer „Lebensmittelampel“ dargestellt werden. Als Nährwertkennzeichen für Deutschland wird noch in diesem Jahr von der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, der Nutri-Score® eingeführt – ein Markierungssystem, das auf einen Blick die Nährwerteigenschaften eines Lebensmittels erkennen lässt. Dies geschieht mit verschiedenen Farben. Laut EU-Recht wird der Nutri-Score® für Lebensmittelhersteller allerdings nicht verpflichtend sein, sondern ist lediglich als staatliche Empfehlung erlaubt. Es bleibt also den Lebensmittelherstellern überlassen, ob sie ihre Lebensmittel entsprechend kennzeichnen.

2. Prävention: Krankenkassen bezahlen gesundheitsfördernde Maßnahmen

Ferner soll und kann auch weiterhin durch Präventionsmaßnahmen das gesundheitsfördernde Verhalten der Menschen unterstützt werden. Die Ernährung ist neben Suchtmittelkonsum, Bewegung und Entspannung eines der vier Handlungsfelder, in denen Prävention stattfindet. Krankenkassen sind dazu verpflichtet, im Rahmen ihres Präventionsauftrages jährlich einen bestimmten Betrag für Prävention auszugeben. Im Jahr 2019 lag dieser Wert bei 7,52 € je Versicherten. Die BKK ProVita gab deutlich mehr für Prävention aus, nämlich 10,92 € je Versicherten, also 3,40 € mehr als vorgeschrieben.

3. Gesundheitserziehung und Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel

Unsere Ernährung ist geprägt von den Werbebotschaften der Lebensmittel- und Nahrungsmittelindustrie. Das fängt bei den Kindern an. Viele wissen nicht, was gesund ist und was nicht. Die Ernährungsbildung in Kitas und Schulen kommt immer noch viel zu kurz. Dagegen gibt es jede Menge Werbung für ungesunde Lebensmittel, die von Ärzten und Verbraucherschützern kritisiert wird.

Hier einige Stimmen:

  • „Anstatt nur auf Selbstverpflichtungen zu setzen, muss die Bundesernährungsministerin Lebensmittelhersteller dazu verpflichten, nur noch gesunde Produkte an Kinder zu bewerben.“
    „foodwatch“ in einer Pressemitteilung zum Kinder-Überzuckerungstag am 12. August 2019
  • „Wenn Produkte nicht den Anforderungen der Weltgesundheitsorganisation entsprechen, dürfen sich Werbung und Aufmachung nicht speziell an Kinder richten.“
    Klaus Müller, Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband, in der Pressemitteilung „Mehrheit wünscht sich gesetzliche Regelung für gesündere Ernährung“ vom 23.01.2020.
  • „Wir brauchen so schnell wie möglich ein Werbeverbot für speziell an Kinder gerichtete Lebensmittel, weiterhin darf es den Verkauf von zuckerhaltigen Getränken in Schulen nicht mehr geben, außerdem wünschen wir uns eine Zuckersteuer.“
    Sigrid Peter, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ), in einer Pressemitteilung vom 30.09.2019 zur Einführung des Nutri-Scores®

4. Zuckersteuer zum Ausgleich der hohen Zucker-Folgekosten

Solange der Zuckerkonsum auf dem derzeit hohen Niveau bleibt, verdient vor allem die Lebensmittelindustrie daran. Die Folgekosten tragen alle. So bezahlt die Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenkassen für den größten Teil der Krankheiten, die aus dem Zuckerkonsum entstehen – auch aus den Beiträgen ihrer Versicherten.

Wenn Lebensmittelproduzenten für den verwendeten Zucker Abgaben bezahlen müssen, werden Lebensmittel, die viel Zucker enthalten, teurer und folglich nicht mehr so oft gekauft. Dies führt dazu, dass die Hersteller den Zuckeranteil reduzieren, um die Lebensmittel günstiger zu machen.

In Deutschland gibt es eine solche Steuer bisher nicht. Andere Staaten haben sie bereits eingeführt und gute Erfahrungen damit gemacht. So hat Portugal im Januar 2017 eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt – mit dem Resultat, dass viele Hersteller den Zuckergehalt drastisch verringert haben und der Absatz zuckerhaltiger Getränke überall zurückgegangen ist .

In Deutschland hat die sogenannte „Alkopopsteuer“, die 2004 eingeführt wurde, um den Konsum von alkoholhaltigen Süßgetränken durch Kinder und Jugendliche zu reduzieren, erreicht, dass der Absatz deutlich zurückging.

Andreas Schöfbeck, Vorstand der BKK ProVita, fordert daher: „Der Staat muss regulierend eingreifen, um die Gesundheit der Menschen zu fördern. Ein wirksames Mittel sehe ich hier in der Einführung einer Steuer für zuckerhaltige Lebensmittel – einer Zuckersteuer. Da die Krankenkassen unmittelbar mit den hohen Folgekosten des zu hohen Zuckerkonsums für die Gesundheit konfrontiert sind, wäre es nur gerecht und naheliegend, wenn ihnen auch die Einnahmen aus einer solchen Steuer zugute kämen.“

Die BKK ProVita fördert gesunde, nachhaltige, pflanzliche Ernährung

Bei der BKK ProVita kennt man die entscheidende Bedeutung der richtigen Ernährung für die Gesundheit. Deshalb fördert die gesetzliche Krankenkasse gesunde Ernährung in vielen Bereichen und schafft Anreize:

  • Die BKK ProVita bietet Aufklärung in Broschüren, auf Veranstaltungen, in Vorträgen, auf ihrer Homepage und ihren Social-Media-Kanälen.
  • Gesunde Ernährung ist auch ein wichtiger Bestandteil der Bonusprogramme der Kasse.
  • Die BKK ProVita fördert die „Aktion Pflanzen-Power“ von ProVeg Deutschland mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen pflanzliche Ernährung vorzustellen und pflanzliche Gerichte in Schulen, Kindergärten und Kitas weiter zu verbreiten und zu verbessern. Dazu werden Aktionstage veranstaltet, an denen die Kinder unter professioneller Anleitung selber kochen und viele leckere pflanzliche Gerichte probieren können. Die „Aktion Pflanzen-Power“ erfuhr im Jahr 2018 internationale Anerkennung, als ihr der Umweltschutz-Preis der Vereinten Nationen „Momentum for Change“ in der Kategorie „Planetary Health“ verliehen wurde, der damit zum ersten Mal an ein deutsches Projekt ging.
  • Mit dem Ziel, die gesunde Ernährung in der Gemeinschaftsverpflegung von Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen voran zu bringen, hat die BKK ProVita zusammen mit dem Deutschen Krankenhausinstitut (DKI) und dem Beratungsunternehmen a’verdis einen Wegweiser für gesunde, nachhaltige, pflanzliche Ernährung in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen entwickelt. Damit erhalten diese eine praktische Anleitung, um gesunde, nachhaltige und pflanzliche Ernährung anbieten zu können.

Die BKK ProVita beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Ernährung auf die Umwelt, denn Menschen können nur in einer intakten Umwelt gesund leben. Wie eine umweltverträgliche gesunde Ernährung aussehen könnte, zeigt der im Januar 2019 veröffentlichte Report der EAT-Lancet-Kommission zur „Planetary Health Diet“. Wissenschaftler haben einen Speiseplan entwickelt, der die Gesundheit der Menschen und des Planeten gleichermaßen fördert. Damit könnten bis zum Jahr 2050 etwa 10 Milliarden Menschen auf der Erde gesund ernährt werden, ohne den Planeten weiter zu schädigen. Gegenüber heute müsste der Konsum von Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen ungefähr verdoppelt werden, der Verzehr von Fleisch und Zucker dagegen halbiert [7].

Weiterführende Informationen

Zucker und Zuckerersatz

Zuckerfrei leben

Die Moderatorin Anastasia Zampounidis ernährt sich seit mehr als einem Jahrzehnt zuckerfrei. In einem Interview unseres Kooperationspartner ProVeg verrät sie, wie sie zum zuckerfreien Leben gekommen ist und welche Vorteile sie dadurch verspürt.

Prof. Dr. Michalsen, Andreas: „Mit Ernährung heilen“ Insel Verlag, München (2019), S. 110.

Deutsche Adipositas-Gesellschaft e. V., Deutsche Diabetes Gesellschaft e. V., Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Konsensuspapier: „Quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland“ vom Dezember 2018.

Pressemitteilung der DGE vom 20.12.2018

Antrag der Fraktion der Grünen an den Deutschen Bundestag, Drucksache 19/6441: Gesunde Ernährung im Alltag einfach machen – Ernährungswende umsetzen vom 12.12.2018 aus Effertz Tobias: „Die volkswirtschaftlichen Kosten gefährlichen Konsums“, Ökonomische Analyse der Rechts, Schriftenreihe Law and Economics, Band 15, Verlag Peter Lang, Frankfurt (2015), S. 316.

Foodwatch: Pressemitteilung „Am 12. August ist Kinderüberzuckerungstag“ vom 11.08.2019.

WHO Europe, News: Portugal brings down obesity by taxing sugary drinks. Copenhagen, 04.03.2020. Abrufbar im Internet. URL: http://www.euro.who.int/en/health-topics/noncommunicable-diseases/obesity/news/news/2020/3/portugal-brings-down-obesity-by-taxing-sugary-drinks. Stand 07.08.2020.

Bundeszentrum für Ernährung. Kirk-Mechtel, Melanie: Planetary Health Diet, Speiseplan für eine gesunde und nachhaltige Ernährung., Abrufbar im Internet. URL: https://www.bzfe.de/inhalt/planetary-health-diet-33656.html. Stand: 07.08.2020.

Über Andreas Schöfbeck

Andreas Schöfbeck ist Krankenkassenbetriebswirt und seit 2001 Vorstand der BKK ProVita: der ersten klimaneutralen „veggiefreundlichen“ und gemeinwohlzertifizierten Krankenkasse in Deutschland. Er setzt sich für ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis ein und engagiert sich als „Vorstand for Future“ im Kampf gegen die Klimakrise. Schöfbeck ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.