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BKK ProVita

Der Schutz des Waldes schützt uns Menschen

Anna Deparnay-Grunenberg fordert mehr Engagement gegen Abholzung und Artensterben

Biodiversität, Klimaschutz, Gesundheit und Gemeinwohlökonomie hängen eng zusammen. Wir haben bei der Forstwissenschaftlerin und EU-Abgeordneten Anna Deparnay-Grunenberg nachgefragt: Warum ist Wald für unser Ökosystem so wichtig? Was können wir gegen Umwelteinflüsse tun, die die Klimawirkung erhöhen? Und warum sollten wir uns gegen Abholzung und für mehr Waldschutz engagieren? Hier sind ihre Antworten.

Von Karen Cop

Das Gesundheitsverständnis der BKK ProVita ist geprägt durch den Planetary-Health-Ansatz, wonach menschliche und planetare Gesundheit untrennbar miteinander verbunden sind. Was sagt Ihnen dieses Konzept?

Dass Menschen sich endlich darüber bewusst werden, dass alles miteinander verwoben ist und wir niemals isoliert handeln. Letzten Endes steht im Zentrum immer die Frage, wie wirkt sich mein Tun auf mich und meine Umwelt aus? Platt ausgedrückt:  Unsere Vitalität hängt von einem vitalen Planeten ab!

Eine Frage an Sie als Forstwissenschaftlerin: Warum brauchen wir Menschen dringend mehr Waldflächen?

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Aufenthalt im Wald für sportliche Aktivitäten, einen erfrischenden Spaziergang oder auch zu meditativen Zwecken („Waldbaden“) sehr wohltuend für Körper und Geist ist. Darüber hinaus sind Wälder unsere grüne Lunge – sie nehmen CO2 auf, setzen Sauerstoff frei und reinigen die Luft.
Sie sind sogar unsere Niere, da sie durch ihre filternde Funktion für sauberes Grundwasser sorgen. Sie beeinflussen das Mikroklima, indem sie kühlend auf umliegende Regionen wirken, und sie sind nicht zuletzt das Zuhause für unzählige Tier- und Pflanzenarten.

Wie hängt die menschliche Gesundheit mit Themen wie Biodiversität oder Artenvielfalt zusammen?

Biodiversität ist die Grundlage jeden Lebens. Biodiversität bedeutet Vielfalt der Arten, aber auch der Lebensräume und der Genvielfalt. Sie repräsentiert die Fülle des Lebens sowie der Möglichkeiten. Damit birgt sie unser Veränderungspotenzial und Gesundung. Je weiter und tiefer wir in natürliche Habitate eindringen, desto größer wird auch das Risiko für Zoonosen (Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden) und Pandemien.

Immer weniger Lebensraum und immer stärkere Umweltbelastung führen zu einem massiven Rückgang der Biodiversität, dem Stoff des Lebens. Eindringlich formuliert hat dies auch Dirk Steffens in unserem Webinar zur Biodiversität: „Die Klimakrise beeinflusst, WIE wir leben, aber das Artensterben stellt infrage, OB wir leben!“

Was sollten wir gegen Waldschäden, den Kahlschlag und für mehr Waldschutz tun?

Als Einzelne:r so gut wie möglich informierte Kaufentscheidungen treffen sowie Unternehmen auf ihre ethische Bilanz ansprechen und auf die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) aufmerksam machen. Und unbedingt die Petition gegen Kahlschläge in Europa unterzeichnen und teilen!

Würden Sie uns ein, zwei Tipps geben, was wir als Bürger:innen im Alltag integrieren sollten, um die Klimaziele zu erreichen?

Erstens: mehr radeln! Mobilität, Klimaschutz und Gesundheit sind nie so gut verbunden wie mit dem Fahrrad. Es bietet uns körperliche Betätigung und seelischen Ausgleich – eine Pause aus der eng und schnell getakteten Welt.

Zweitens: sich bewusst lokal und möglichst biologisch ernähren. Essen bewusst genießen und zelebrieren. Geist und Körper nähren für mehr Lebensfreude und Vitalität.

Sie haben einen Sinn für die Gemeinwohlökonomie. Wie definieren Sie Gemeinwohl auf EU-Ebene?

Ich glaube, dass wir uns als Menschheit ganz schön verrannt haben. Die Klimakrise und die Pandemie haben uns das verdeutlicht. Dass es auch anders geht, zeigt die Gemeinwohlökonomie: Sie stellt den Menschen und seine Umwelt und somit die Natur ins Zentrum jeglichen wirtschaftlichen Handelns. Wirtschaft  sollte kein Selbstzweck sein, sondern zum Ziel die Verbesserung der Lebensqualität haben. Diese Gedanken bringe ich stets im Europa-Parlament ein, ob es nun um eine neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) geht, die europäische Forststrategie oder um alternative Mobilitätsangebote, wie z. B. Liegen statt Fliegen – unterwegs mit dem Nachtzug. Besonders im Auge habe ich derzeit eine neue EU-Richtlinie, die vorschreibt, wie die Nachhaltigkeits-Berichterstattung von Unternehmen aussehen sollte und welche Unternehmen sie betrifft.

„Ein Wettbewerb, wer am ethischsten, sozialsten und ökologisch nachhaltigsten wirtschaftet.“

Anna Deparnay-Grunenberg

Wenn die Richtlinie möglichst viele Unternehmen betrifft und diese verpflichtend eine GWÖ-Bilanz oder Ähnliches durchlaufen, hätte man eine solide Grundlage, um tatsächlich öffentliches Geld für öffentliche Leistungen auszugeben: Öffentliche Aufträge sowie Fördermittel könnten dann an Unternehmen verteilt werden, die einen besonderen Beitrag zum Gemeinwohl leisten.

Anna im Wald

Und um noch einen Schritt weiterzudenken, könnte man dies entsprechend auch in der Besteuerung von Unternehmen berücksichtigen. Unternehmen hätten somit einen wirklichen „Return-on-Investment“ für ihre Bemühungen. Wenn ein Wettbewerb floriert, in dem es nicht darum geht, die größten monetären Profite einzufahren, sondern darum, wer am ethischsten, sozialsten und ökologisch nachhaltigsten wirtschaftet.

Wie ist Gesundheit im Sinne der Gemeinwohlökonomie zu verstehen?

Körperliche und seelische Gesundheit sind Ziele der GWÖ, sie sind unser höchstes Gut. Denn ökologisch nachhaltig wirtschaften heißt, dass unsere Böden fruchtbar und nährstoffreich bleiben, unser Wasser sauber und unsere Luft rein. Ethisch und sozial vorbildlich zu wirtschaften bedeutet, angenehme Arbeitsplätze mit Mitspracherecht und Möglichkeit zur Selbstentfaltung anzubieten. Es bedeutet, achtsam mit seelischer Hygiene und Gesundheit umzugehen.

In der GWÖ geht es nicht darum, die Zitrone bis auf den letzten Tropfen auszupressen. Aktuell ist leider auch das Gesundheitswesen der Profit maximierenden Logik unterworfen; was das bedeutet, haben wir durch die Pandemie schmerzlich erfahren. Wir brauchen resiliente Systeme!

Wovon träumen Sie, wenn Sie sich das Jahr 2030 vorstellen?

Ich träume davon, dass die junge Generation – trotz der immensen Herausforderungen, die auf uns zukommen – Freude an der Transformation findet, den Wandel als Abenteuer begreift und sich als Mitgestalter:innen erlebt.


Anna Deparnay-Grunenberg

… ist studierte Umwelt- und Forstwissenschaftlerin. Sie setzt sich als grüne Abgeordnete im Europäischen Parlament für nachhaltige Mobilität, Artenvielfalt, intakte Ökosysteme und eine sozial-ökologisch gerechte Wirtschaft ein.


Dieser Beitrag erschien zuerst im „Magazin fürs Leben“ (Ausgabe 4/2021). Unsere Mitgliederzeitschrift bietet viermal im Jahr viele spannende Themen.

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Über Karen Cop

Karen Cop ist Journalistin, liegt gerne auf Mooskissen und schaut in hohe Baumkronen. Der BKK ProVita ist sie seit vielen Jahren als Autorin, seit einigen Jahren auch als Redaktionsleiterin des Mitgliedermagazins verbunden.