Ist dein Kind wirklich schulreif?

Kriterien und Tipps zum Thema „Schulfähigkeit“

Das Kindergartenjahr geht zu Ende und für viele Eltern stellen sich Fragen wie diese: Zu klein, zu verspielt oder jetzt reif für die Schule? Woran ist Schulreife denn zu erkennen? An Fein- und Grobmotorik oder ob das künftige Schulkind schon etwas rechnen kann? Hier sind Tipps von Expert:innen, worauf beim Thema „Schulfähigkeit“ zu achten ist, sowie zum entscheidenden Blick auf das eigene Kind und seinen Entwicklungsstand. Schließlich soll Schule Spaß machen!

Von Barbara Lang

Mit dem rechten Arm über den Kopf das linke Ohr greifend und breite Frontal-Zahnlücke – so sah bis in die 70er-Jahre hinein ein vermeintlich schulreifes Kind aus. Abc-Schütz:innen mochte der Zusammenhang zwischen Armlänge und Rechnen lernen schon damals suspekt gewesen sein, doch das sogenannte „Philippinermaß“ galt bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts als Schulreife-Indikator – ebenso wie ausgefallene Milchzähne oder die Entwicklung der Handwurzel.

Die einstige Vorstellung, dass biologische Vorgänge und entsprechende Zeit ein Kind „reif“ für die Schule machten wie einen Apfel für die Ernte, hat sich längst überholt. Heute spricht man aus gutem Grund von Schulfähigkeit oder Schulbereitschaft.

Vom Vorschulkind zum Schulkind werden

Eine allgemeingültige Definition von Schulfähigkeit, die auf einem Fragebogen abzuhaken ist, gibt es nicht – und Expert:innen wie Schulpsycholog:innen sind sich einig: Es kann sie auch nicht geben. Der Grund ist ein ganz einfacher: Kinder sind unterschiedlich, Schulen sind unterschiedlich, Pädagog:innen sind unterschiedlich, Familien und ihr Background auch. Zumal all dies nicht starr, sondern immer in Entwicklung ist.

Entsprechend individuell sollten die Kinder und die Gegebenheiten betrachtet werden. Demnach fragt man heute nicht mehr: Ist das Kind schulreif? Sondern: Ist das Kind fähig und bereit, ein Schulkind zu werden, den Schulalltag zu meistern? Denn das wird es erst in der Schule, betont Diplom-Psychologin Renate Niesel, Expertin für Frühpädagogik in München.

Auch, wenn das Kind selbst den Übergang vom Kindergarten in die Schule und das Schulsystem meistern muss – eine tolle Entwicklungsaufgabe –, brauchen sie ihre Eltern, Erzieher:innen und Lehrer:innen, die sie dabei begleiten und unterstützen.

Schulreif oder nicht? Das gehört zur Schulfähigkeit

Ob fünf, sechs oder sieben Jahre alt, groß, klein, dick oder dünn – es sind andere Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zeigen, dass ein Kind bereit für die Einschulung ist.

Schulfähigkeit heißt nicht, schon im Kindergarten lesen und schreiben oder 2+3 rechnen zu können. Vielmehr wird der kindliche Entwicklungsstand heute allgemeiner geachtet und betrachtet – und du kannst die verschiedenen Fähigkeiten deines Kindes spielerisch fördern:

1. Schulreife und geistige Fähigkeiten

Zu den „kognitiven“ Fähigkeiten zählen eine differenzierte visuelle und akustische Wahrnehmung (sehen, beobachten, hören, zuhören), die Fähigkeit, sich etwas zu merken und konkret-logisch zu denken, Zahlen und Mengen verstehen und benennen sowie die eigene Ausdrucksfähigkeit und das Sprachverständnis eines Kindes.

So förderst du die kognitiven Fähigkeiten deines Kindes:
  • Geschichten und Bücher
  • Zum Erzählen anregen (Erlebtes, Gesehenes, Gehörtes, Ideen)
  • Lieder und Reime
  • Merkspiele, Würfelspiele,  Strategiespiele
  • Bauen und konstruieren
  • Formen und Muster legen, malen, sortieren
  • Gegenstände zählen, Größenverhältnisse wahrnehmen (kochen, backen)

2. Soziale Kompetenzen und emotionale Stabilität

Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein stehen hier im Fokus: Geht das Kind angstfrei in eine Kindergruppe und kann sich von erwachsenen Bezugspersonen lösen? Fügt es sich als Gruppenmitglied ein, kann sich aber auch behaupten? Kann es Regeln einhalten, Kompromisse aushalten, Konflikte aushandeln?

Ein Junge spricht vor einer Gruppe, eine Fähigkeit, die dafür spricht, dass er schulreif ist.
So förderst du die sozialen Kompetenzen deines Kindes:
  • Viel Kontakt zu anderen Kindern
  • Ermuntern, eigene Ideen und Vorschläge einzubringen
  • Spiele nach Regeln spielen, im Alltag ein paar Regeln vorgeben
  • In andere einfühlen und Rücksicht nehmen
  • Teilen, helfen, sich für andere einsetzen 

3. Arbeitshaltung und Motivation

Hier geht es um die Lern-Motivation und Konzentrationsfähigkeit: Ist das Kind bereit, sich anzustrengen, um bestimmte Dinge zu erreichen? Bleibt es aufmerksam bei der Sache? Auch, wenn es mal Störung, Ablenkung gibt? Ist es neugierig, wissbegierig?

So förderst du Ausdauer, Konzentration, Motivation deines Kindes:
  • Raum, Zeit und Ruhe geben, damit es in seinem „Spiel-Flow“ versinken kann
  • Zum Fragen ermutigen, Fragen beantworten
  • Größere Spiel- oder Bauprojekte mit Zwischenetappen
  • Aufgaben im Haushalt abgeben (Tisch decken, Wäsche sortieren, staubsaugen)
  • Wettbewerbsspiele in der Kindergruppe
  • Genauigkeit beim Basteln und Schneiden

4. Körperliche Entwicklung, Grobmotorik und Feinmotorik

Es kommt zwar nicht darauf an, über den Kopf ans andere Ohr fassen zu können, aber die körperliche Entwicklung und der Gesundheitszustand eines Kindes bilden durchaus eine Grundlage für schulische Erfolge.

Aktivität, Beweglichkeit, Körperbeherrschung und ein gutes Körpergefühl erleichtern das Lernen, geben ein positives Selbstbild und schützen vor Unfällen. Manuelle Geschicklichkeit hilft beim Schreiben lernen, ein gutes Hör- und Sehvermögen sind Grundlage für die Konzentration.

So förderst du die körperliche Geschicklichkeit und Gesundheit deines Kindes:
  • Gesunde, abwechslungsreiche Ernährung, ausreichend Schlaf
  • Viel Spiel, Sport und Bewegung im Freien
  • Naturerfahrungen (auf Bäume klettern, einen Bach stauen)
  • Minimierter elektronischer Medienkonsum
  • Balancieren, schaukeln, rückwärtslaufen, auf einem Bein hüpfen
  • Feinmotorik: Schleife binden, schneiden, backen, kochen

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Dieser Beitrag erschien zuerst im „Magazin fürs Leben“ (Ausgabe 2/2022). Unsere Mitgliederzeitschrift bietet viermal im Jahr viele spannende Themen.

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Barbara Lang

Barbara Lang ist nicht nur Fachjournalistin, sondern auch Diplom-Sozialpädagogin und staatlich anerkannte Erzieherin. Was ihr gar nicht liegt: Verbissenheit. Sie nimmt (fast) jede Lebenslage lieber mit Witz und Humor, natürlich auch die Erziehung ihres Sohnes.