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Schule von morgen: „Man muss sich ermutigen lassen“

Interview mit Laura Natascha Vogt von „Schulbildung mal anders“

Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht – gemäß der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Als eines von 17 „Sustainable Development Goals“ (SDGs) haben die UN das Thema erneut aufgegriffen: Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung sollten alle Länder ihren Bürgern inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten für lebenslanges Lernen fördern.
Wir sprachen zum 4. Ziel „Bildung“ mit Laura Natscha Vogt, angehende Lehrerin mit eigenem Podcast, wie es aus ihrer Perspektive um die Bildung in Deutschland bestellt ist.

Laura, Bildung soll „inklusiv, gerecht und hochwertig“ sowie allen Menschen zugänglich sein – so will es das vierte SDG. Wie nah sind wir diesem Ziel in Deutschland aus deiner Sicht?

Laura Vogt: Das kommt nach meiner Erfahrung aus fünf Jahren Lehramt total auf die Perspektive an. Ich kenne viele Lehrpersonen, die ihren Unterricht inklusiv, gerecht und hochwertig gestalten. Ich kenne Schulen, die ein sehr modernes Schulkonzept verfolgen, Räumlichkeiten umgestaltet haben, Fächer zugunsten des individuellen Lernens in Lernbüros abgeschafft haben um zu fördern und zu fordern. Die Projektunterricht machen, um Selbstwirksamkeitserfahrungen der Schüler:innen zu unterstützen. Schulen, in die die Schüler:innen montags gerne gehen und am liebsten selbst in den Ferien auch kommen würden Es klingt wie eine utopische Vision – und doch kenne ich Menschen, die dort arbeiten und leben.

Aber ich habe auch das Gegenteil gesehen: Schulklassen, in denen Mobbing an der Tagesordnung steht, in denen Bewertung und Leistungsdruck vorherrschen, in denen weder Lehrpersonen noch Schüler:innen gerne ihre Zeit verbringen.

Wie nah wir diesem Ziel der Vereinten Nationen in Deutschland also in Wirklichkeit sind, weiß ich nicht – dafür bräuchten wir wahrscheinlich eine Statistik, die den Entwicklungsstand der Schulen aufschlüsselt. Was ich vermehrt wahrnehme, vor allem auch an der Universität, ist der Einzug eines neuen pädagogischen Denkens, das in Einklang mit den Erkenntnissen der Neurobiologie und der Psychologie die Lernmotivation und die Kinder und Jugendlichen in den Fokus rückt. Ich sehe mutige Studierende, die in den Lehrer:innenberuf gehen und gemeinsam mit mutigen Lehrpersonen Schule beginnen neu zu denken. Aber unser Schulsystem ist zäh, und die Veränderung braucht Geduld und Beharrlichkeit.

Was genau läuft schief im deutschen Bildungssystem?

Wo soll ich da anfangen? Ich glaube, mit dieser Frage könnte ich eine ganze Doktorarbeit füllen. Das haben auch schon viele Bildungswissenschaftler:innen getan und versucht, die Probleme zu analysieren. Deswegen kann ich hier nur aus meiner Perspektive einen kleinen Bereich davon abdecken.

Eines der Grundprobleme ist meiner Meinung nach der Schulabschluss, auf den wir uns alle so fokussiert haben. Für das Abschlusszeugnis brauchen wir spezielle Inhalte, die der Lehrplan vorschreibt, und es braucht Noten, deswegen haben wir ein Bewertungssystem aufgebaut. Wir haben komplexe Themengebiete versucht, in Fächer zu zerstückeln. Wir haben danach die Universität ausgerichtet, in der Lehrpersonen zu Einzelkämpfer:innen in ihrem Fach ausgebildet werden. Die Schule folgt einer alten Tradition, die wir immer wieder reproduzieren, weil ja jeder von uns selbst erfahren hat, wie Schule funktioniert.

„Viele im Bildungssystem scheinen zu verzweifeln“

Das ist das Besondere am Lehrberuf: Wir kennen den Beruf und das Arbeitsumfeld bereits. Wir reproduzieren es durch unsere eigenen Erfahrungen mit Schule, vor allem in Stresssituationen und unter Druck. In der wissenschaftlichen Diskussion nennt man das die subjektiven Theorien, berufsbezogene Glaubenssätze und Überzeugungen, durch die wir immer in alte Strukturen zurückfallen. Viele im Bildungssystem scheinen zu verzweifeln und weder vorne noch hinten weiter zu wissen. Die Eltern sind verzweifelt, genauso die Lehrpersonen, die Schüler:innen, die Lehramtsstudierenden, die Dozierenden und Profs an den Unis, die Bildungsministerien. Es scheint wie ein Teufelskreis zu sein, aus dem nur wenige es schaffen auszusteigen. Jeder schimpft auf jeden, und die Verantwortung, etwas zu verändern, wird von A nach B zu C verschoben, weil die Lösungsansätze und der Glaube daran, dass es möglich ist, fehlen.

Du bist selber Lehramtsstudentin, propagierst aber in den sozialen Medien und in deinem Podcast „Schulbildung mal anders“ neue Lernformate. Was können Lehrer:innen innerhalb des bestehenden Systems anders machen?

Ich glaube tatsächlich, dass die Lehrpersonen im bestehenden System einen sehr großen Einfluss haben. Das war ja auch bereits in der Metaanalyse von Hattie * das bahnbrechende Ergebnis: Es kommt beim Schulerfolg der Kinder und Jugendlichen gar nicht so sehr auf die Unterschiede zwischen den Schulen an, es kommt auf die Unterschiede zwischen den Klassen an – und damit auf die Unterschiede zwischen den Lehrpersonen. Das gibt uns Lehrer:innen sehr viel Kraft und macht mir auch Mut. Ich glaube, der Fokus ist das wichtigste – und zwar auf die positiven Beispiele, die im System bereits funktionieren. Man muss sich ermutigen lassen!

„Die Veränderung beginnt bei der Lehrperson“

Ich empfehle immer, gelungene Schulen anzuschauen, öffentliche wie private. Viel Gutes wird immer wieder von der 4. Aachener Gesamtschule, der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, der Alemannenschule Wutöschingen, der Wilhelm von Humboldt Gemeinschaftsschule Berlin und der Peter Gläsel Schule in Detmold berichtet. Es gibt tolle Initiativen wie „Schule im Aufbruch“ oder „Blick über den Zaun“, es gibt Schulpreise, bei denen man sich über solche Schulen informieren und dann dort hospitieren kann. Das lohnt sich, weil es einem die Kraft gibt, Schritt für Schritt eigene Veränderungen im Klassenzimmer umzusetzen. Es inspiriert und man kann für sich überlegen, wie man selbst seine Schule, seine Klassen, seinen Unterricht mal anders denken möchte. Das ist für mich immer der erste Schritt. Denn Veränderung beginnt immer beim Einzelnen – und das sind in Schulen die Lehrpersonen!

Ein Schüler beim Gefühlsspiel des Gesundheitsförderungsprojekts Bunter Ball.
Schüler lernt Emotionen kennen beim Gesundheitsförderungsprojekt „Bunter Ball“. | © Tim Kramer

Warum ist Achtsamkeit beim Lernen (und Lehren) so wichtig?

Achtsamkeit ist aus verschiedenen Gründen fürs Lehren unglaublich wichtig. Wir haben den Fokus dadurch mehr bei uns selbst, erkennen, wo unserer Grenzen liegen, füllen das eigene Glas, legen Perfektionismus ab. Durch das bewusste Wahrnehmen von uns selbst schützen wir uns. Das Burn-Out-Risiko sinkt, weil wir lernen, unsere psychischen Grundbedürfnisse – Freiheit, Sicherheit und Sinn – zu achten. Wir wenden uns uns selbst zu, beginnen an unseren eigenen Überzeugungen zu arbeiten, uns selber zu hinterfragen, entwickeln bewusst unsere Persönlichkeit weiter. Wir erfahren durch Achtsamkeit, welchen großen Einfluss wir auf unser Leben, auf unsere Mitmenschen und auf unser Umfeld haben. Selbstwirksamkeitserfahrungen nehmen zu, stärken unser Selbstvertrauen und geben uns die Kraft, daran zu glauben, dass wir selbst etwas verändern können – und die nötigen Schritte dann auch im Rahmen unserer Möglichkeiten zu tun. Dabei ist es egal, wie man Achtsamkeit praktiziert, ob man Yoga, Qi Gong oder Atemübungen macht, meditiert oder schöne Spaziergänge genießt. Jeder hat da seine eigene Art innezuhalten.

„Achtsamkeit verändert Schule und Unterricht“

Lebt man dieses weite Verständnis von Achtsamkeit und die dementsprechende Haltung in der Schule, geht sie automatisch auch auf die Schüler:innen über. Nils Altner hat hier an Solinger Grundschulen eine tolle Studie durchgeführt, die zeigt, wie sehr sich die Schule und der Unterricht alleine durch die Schulung des Kollegiums in Achtsamkeit und Bewusstsein verändert. Übt man dann eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis auch mit den Schüler:innen, kann das die Konzentrationsleistung und die kognitiven Aufmerksamkeitsressourcen erhöhen, dabei unterstützen, Emotionen zu steuern und zu regulieren, eine Innensicht schulen und dadurch auch Stresssymptome verbessern. Mehr dazu findet man in zwei Studien, die zum AISCHU® Konzept von Vera Kaltwasser durchgeführt wurden. **

Nicht nur in der Schule lernen wir – lebenslanges Lernen ist im Zeitalter der Digitalisierung gefragt. Was könnten Unternehmen sich von deinem Konzept abschauen – für ihre Ausbildungsprogramme und Weiterbildungsmaßnahmen?

Was für eine Ehre, wenn Unternehmen sich etwas von meinem Konzept abschauen! Ich glaube, das Wichtigste ist, wie oben schon erwähnt, das Inspirieren und Ermutigen, sich gegenseitig zu nähren und zu kooperieren und rauszukommen aus dem Einzelkämpfer:innenmodus. Ich finde hier das Wort Co-Creation ein sehr schönes. Außerdem den Mut zu haben, Regeln auch mal etwas zu dehnen und aktiv neu zu denken. Die Design Thinking Methode ist hierzu unglaublich gut geeignet. Wir müssen out „Of the Box“ denken, nicht im System, groß träumen und optimistisch sein und erst danach unseren genialen rationalen Verstand nutzen, um ins Handeln zu kommen und das, was möglich ist, dann wirklich Schritt für Schritt umzusetzen. Wir müssen aufhören zu zweifeln und immer nach dem ‚Wie‘ zu fragen. Frage lieber „Was kann ich tun?“.

Es geht darum, mutige Entscheidungen zu treffen und dann Schritt für Schritt im eigenen Tempo dieser Entscheidung zu folgen. Oft ist im gesetzlichen Rahmen viel mehr möglich, als wir denken. Das beobachte ich in Schulentwicklungsprozessen immer wieder und ich kann mir vorstellen, dass auch in Ausbildungsprogrammen und Weiterbildungsmaßnahmen oft zu klein in alten Strukturen und Systemen gedacht wird. Dabei liegt es an uns, da heraus zu treten. Schiebt einfach mal die Tische und Stühle weg und lasst alle auf dem Boden sitzen! Das ist für unser Gehirn und unser Unterbewusstsein so komisch, so neu, dass man dann nicht mehr 45 Minuten oder länger vor einer Gruppe steht und etwas lehrt, sondern gezwungen ist, neu zu denken. Schafft Räume und Strukturen, in denen man nicht in alte Strukturen und Muster zurückfallen kann. Ich glaube, das allein bewirkt schon sehr viel.

Zum Schluss: Was können wir als moderne Krankenkasse, die in ihrer Haltung „bewusst und nachhaltig“ ist, zum SDG 4 beitragen?

Als moderne Krankenkasse könnte die BKK ProVita gelungene Präventionsprogramme an Schulen, in KiTas und an Universitäten finanziell unterstützen – egal, ob diese für das Personal oder die Kinder und Jugendlichen durchgeführt werden. Ich erlebe oft, dass tolle evaluierte Programme an den Universitäten entstehen, dann aber die Förderung ausläuft und wieder neue Programme gefördert werden. Ich halte es für sinnvoller, die bestehenden weiterzuentwickeln und zu unterstützen, weil diese Programme auf vielen Ebenen viel bewirken – bei den Schüler:innen und Lehrpersonen in erster Linie, aber auch bei den Eltern, der Schulleitung, im Kollegium. Dadurch wird meistens auch die Schulentwicklung vorangetrieben. Die Schule und die Lehrpersonen kommen mit Externen in Kontakt, und dadurch können neue Impulse in der Schule Eingang finden, was unglaublich wichtig ist.

Ein Schüler beim High-Five beim Gesundheitsförderungsprojekt Bunter Ball.
Ein Schüler beim Gesundheitsförderungsprojekt „Bunter Ball“. | © Tim Kramer

Da hast du recht. Daher fördern wir z.B. ein Projekt an Grundschulen, das die Kinder jeweils von der ersten bis zur vierten Klasse begleitet. Darin lernen Kinder Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein über das Medium Fußball. Zugleich helfen wir mit, weitere Förderungen von anderen Stellen zu bekommen, damit das Projekt sich langfristig etabliert.

Das finde ich gut und wichtig: Wir müssen aufhören, alles alleine lösen zu wollen. Wir brauchen die Expertise von Teams, die zusammenarbeiten, von Forscher*innen, Bildungstheoretiker*innen, Schüler*innen, Lehrpersonen, Schulleitungen, Bildungsministerien, Coaches, Psycholog*innen … Nur so können wir nachhaltig Veränderungen gestalten.

Vielen Dank, liebe Laura, für das interessante Gespräch!

* Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen. Hohengehren: Schneider Verlag

** https://www.qigong-gesellschaft.de/sites/default/files/aischustudienergebnisse.pdf, Weber, A ,. Kretschmer, M., Uhlemayr, M. (2016): „Achtsamkeit in der Schule (AISCHU): EinKonzept zur Integration von Achtsamkeit in den Schulalltag“, . In G. E. Dlugosch, J. Fluck& C. Marquardt (Hrsg.), Gesundheit und Bildung: Schülergesundheit (Empirische Pädagogik, 30 (2), Themenheft). Landau: Verlag Empirische Pädagogik.

Laura Natascha Vogt studiert Lehramt im Bereich Sonderpädagogik in Berlin, unterrichtet jetzt schon das Unterrichtsfach Glück und setzt sich mit ihrem Podcast „Schulbildung mal anders“ für mehr Achtsamkeit und Wertschätzung im Schulalltag ein: Sie führt darin Gespräche mit Menschen, die sich auch auf den Weg gemacht haben, Schule anders zu denken und zu machen – z.B. Lehrpersonen, Schüler:innen, Wissenschaftler:innen, Vertreter:innen von Initiativen und viele mehr. Ihre Podcast-Hörer:innen möchte Laura mitnehmen auf eine Reise der Ermutigung und Inspiration.

Mehr zum Thema SDGs? Bereits Ende Dezember 2019 interviewten wir unseren Experten für Nachhaltigkeit, Maximilian Begovic (Nachhaltigkeitsreferent bei der BKK ProVita), um mehr über die 17 SDGs und seinen persönlichen Umgang damit zu erfahren. Jetzt lesen!