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Urbane Gärten: Warum Gärtnern in der Stadt glücklich macht

Urban Gardening verbindet Menschen und schafft wertvolles Mikroklima

Gemeinsam graben, pflanzen, säen macht auch in unseren Städten Spaß – und Sinn! Unsere Reportage über urbane Gärten zum Mitmachen – vom interkulturellen Gärtnern bis zum Urban Gardening im Hinterhof. Und wer als Stadtgärtner:in Gemüse im Selbsternte-Garten anbaut, sorgt neben dem Plus an Natur-Erfahrung und einem Beitrag für besseres Klima auch für die regionalsten Lebensmittel von allen in der Stadt.

Von Claudia Scheiderer

Endlich Frühling! „Jetzt geht es wieder los,“ freut sich Hanna Burckhardt. Die Humanökologin gärtnert seit sechs Jahren in den Prinzessinnengärten auf dem Moritzplatz, mitten in Berlin.

Das Urban-Gardening-Projekt gehört zu den ersten in Deutschland. Anwohner:innen verwandelten bereits 2009 eine Brache in eine blühende Grünfläche. Seitdem hat die Idee, als Bürger:in den Stadtraum durch Anbau zu begrünen, immer mehr Städten Früchte getragen.

An jeder Ecke sprießt frisches Grün und wartet aufs Ärmelhochkrempeln und gemeinsame Anpacken begeisterter Stadtgärtner:innen: „Zuerst ernten wir unsere Winterkulturen wie Spinat, Asia-Salat oder Kohl. Danach müssen die Beete vorbereitet, die Erde gelockert und neu bepflanzt werden mit selbst über den Winter vorgezogenen Jungpflanzen.“, so Hanna Burckhardt.

In den Prinzessinnengärten ist alles in gemeinschaftlicher Hand: Die Ernte der Gemüsesorten wird einmal in der Woche verteilt oder im Gartencafé zubereitet.

Hannah Burkhardt
Hanna Burckhardt, 32, ist eine der Geschäftsführer:innen von Nomadisch Grün, Prinzessinnengarten Kollektiv Berlin.

Interkulturelle Gärten – ein Stück Heimat pflanzen

Die interkulturellen Gärten in Göttingen stellen für viele Geflüchtete ein kleines Stück Heimat dar. Auf den Anbauflächen pflanzt und päppelt jede:r Bekanntes, Geliebtes oder Vermisstes: Puffbohnen, Weinblätter, Koriander und Bockshornklee oder andere Nahrungsmittel aus der Heimat.

Die Kurdin Najeha Abid pflanzt dieses Jahr ausschließlich orange blühende Ringelblumen – für die Bienen und für eine Salbe. Die Lehrerin aus Bagdad, eine der Mitbegründer:innen der seit über 20 Jahren erfolgreichen Gärten, hat ihren „grünen Daumen“ erst hier entdeckt: „Ich hätte das früher nie geglaubt, aber jeder Mensch hat Talent im Umgang mit der Natur.“

Najeha Abid
Die Irakerin Najeha Abid ist Mitbegründerin des ersten, 1996 gegründeten interkulturellen Gartens in Göttingen.

Im Sommer treffen sich in den Gärten zwölf Familien aus sechs Nationen zum Reden, Lachen und gemeinsam Essen. Jede:r ist neugierig auf die landestypischen Gerichte der Nachbar:innen.

Denn die gemeinschaftliche Bewirtschaftung eines Gartens öffnet auch ein soziales Netzwerk für die Mitwirkenden. Für ihren Alltag, das weiß Najeha Abid, gebürtige Irakerin, bräuchten die Menschen vor allem Kontakte. „Deshalb unterstützen wir einander, lernen voneinander und leben gut miteinander.“

Sie konnte Frauen sogar Stellen als Dolmetscherin in Flüchtlingsunterkünften verschaffen. Das, findet sie, seien die wahren Früchte ihres gemeinsamen Urban Gardenings.

Gemeinschaftsgärten sind Orte der Befähigung

Dr. Christa Müller
Dr. Christa Müller gehört als Soziologin und Vorstand der „anstiftung“ zu den Pionierinnen des Urban Gardening in Deutschland.

Genau das ist auch der Ansatz der Soziologin Dr. Christa Müller. Die Forscherin zu nachhaltigen Lebensstilen und der Urban-Gardening-Bewegung in Deutschland leitet die „anstiftung“, die bundesweit Urban-Gardening-Projekte, offene Werkstätten und Reparaturinitiativen fördert, vernetzt und erforscht.

Denn: „Viele Menschen versammeln viel Expertise.“ So entstünden mit urbanen Gärten sozial produktive Räume, die für mehr Begegnung von Menschen unterschiedlicher Milieus im öffentlichen Raum sorgen – und für mehr Umweltgerechtigkeit. Damit ließe sich ein Kontrapunkt zur Konsumgesellschaft setzen: weg vom Industriefutter, hin zu neuen, umweltschonenden Formen der ökologisch-bäuerlichen Landwirtschaft.

Die bräuchten wir als Gesellschaft dringend – nicht nur, um vor Ort das Grundwasser rein zu halten, sondern auch für eine globale Gerechtigkeit, nicht zuletzt den Tieren gegenüber. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir verstehen, dass wir nicht die einzigen Lebewesen mit Rechten sind.“

Urbane Gärten – Universen im Hinterhof

Kiezgärten, Gemeinschaftsgärten, Selbsternte-Gärten, Stadtgärten, Dachgärten, mobile urbane Landwirtschaftsprojekte oder Guerilla-Gardening-Aktionen, die urbanen Gärten oft vorausgehen – jeder Garten ist ein eigenes Universum, das gestaltet werden kann.

Iris Letzgus, bei der BKK ProVita Mitarbeiterin im Marketing, bewirtschaftet mit anderen Bewohner:innen einer Genossenschafts-Wohnanlage in München Beete im Innenhof, die die Genossenschaft im Rahmen einer Neugestaltung anlegen ließ.

Auch das Müllcontainerdach wurde begrünt und bietet mit Vogelhäuschen samt Blühstreifen auch für tierische Mitbewohner:innen ein artgerechtes Mikroklima in der Stadt. Seit drei Jahren sät und erntet Iris Letzgus nun mit ihren drei Kindern im Alter von zwei, sieben und neun Jahren.

„Mit den Händen in der Erde zu wühlen ist meditativ, und hinterher sehen wir das Ergebnis gedeihen – das macht zufrieden!“ Iris Letzgus liebt ihren zuverlässig immer wieder neu heranwachsenden Winterknoblauch: „Im Herbst stecke ich eine kleine Zehe fünf Zentimeter tief in die Erde, und über den Winter wächst daraus eine ganze Knolle, die ich ein Jahr später ernten kann.“ Das hat schon etwas Magisches, findet sie, „und er schmeckt fantastisch frisch!“

Iris Letzgus mit ihren drei Kindern
Iris Letzgus beackert mit Mitbewohner:innen und ihren drei Kindern einen Münchner Hinterhof.

„Offene Böden bedeuten weniger Beton“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Monika Egerer, Professur für Urbane Produktive Ökosysteme, Technische Universität München.

Können Sie in Zeiten der Pandemie, mit vermehrtem Arbeiten Zuhause eine neue Lust am naturnahen Gärtnern in der Stadt entdecken?

Unsere weltweite Umfrage im ersten Lockdown hat ergeben, dass die Menschen sich mehr für Gartenarbeit interessierten. Absolut verständlich, wenn Sporthallen oder Cafés geschlossen sind: Wir brauchen etwas zum Stressabbau.

Warum tut uns gerade gemeinschaftliches Gärtnern so gut?

Gärten haben das Potenzial, das Zusammenleben zu fördern. Durch viele Menschen an einem Ort entsteht eine soziale Atmosphäre, Wissensaustausch, Vielfalt, es gibt mehr Perspektiven …

Könnten mehr urbane Gärten auch gegen die zunehmende Überhitzung der Städte helfen? Kann also jede:r, der:die gärtnert, etwas für unser Klima tun? 

Unbedingt. Offene Böden bedeuten weniger Beton und damit Hitze. Bäume oder Büsche spenden Schatten und Feuchtigkeit.

Wie ist mehr Biodiversität in den Städten möglich?

Durch Vielfalt! Indem wir in den Gärten nicht nur Gemüse anbauen, sondern auch Wildpflanzen – also natürliche Strukturen zulassen! Außerdem Bäume und Büsche anpflanzen, die besonders früh und spät blühen, um so den Zeitraum für Insekten zu verlängern.

Wie könnte die grüne Stadt der Zukunft aussehen? Gemüseanbau an Wegen und Fassaden? Bewirtschaftung von Nutzpflanzen in Parkhäusern, wenn die Innenstädte autofrei sind? 

Unsere Städte sollten essbarer, wilder werden und die Wünsche wie die Werte der Bewohner:innen widerspiegeln.

Aktiv-Tipps, gute Adressen, Saisonkalender

  • Anstiftung: Auf dieser Netzwerkseite ist auch eine bundesweite Liste städtischer Gemeinschaftsgärten zu finden: www.urbane-gaerten.de
  • Internationale Gärten für interkulturellen Austausch: www.internationale-gaerten.de
  • Gonature: Plattform für Projekte im Natur- und Artenschutz und Urban Gardening in der Nähe: www.gonature.de
  • Prinzessinnengärten: Mehr über das Kollektiv, Mit- und Nachmachmöglichkeiten sowie Imker:innenkurse: www.prinzessinnengarten.net  

Kostenlos bestellen: Saisonkalender der BKK ProVita!

Du willst wissen, welches Obst und Gemüse du wann aus heimischem Anbau im Lebensmittelhandel erhältst? Dann fordere gleich unseren kostenlosen Saisonkalender hier an: www.bkk-provita.de/saisonkalender


Dieser Beitrag erschien zuerst im „Magazin fürs Leben“ (Ausgabe 1/2022). Unsere Mitgliederzeitschrift bietet viermal im Jahr viele spannende Themen.

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Über Claudia Scheiderer

Claudia Scheiderer ist Journalistin und hat viele Jahre in der Unternehmenskommunikation gearbeitet. Sie unterrichtet Yoga, Rücken- und Entspannungskurse. Ihr beständiger Ruhepol ist die Bewegung in der Natur und regelmäßiges Meditieren.