Musik macht glücklich!

Was die Musik mit Körper, Geist und Seele macht

Wenig kann so emotional ansteckend wirken und berühren wie Musik, und das ein Leben lang. Musik erreicht alle – von Ungeborenen bis zu Menschen mit Demenz. Musik hören und Musik machen haben so viel Kraft, dass sie Gänsehaut erzeugen können und die schönsten Botenstoffe in Fahrt kommen. Musik kann heilen. Musik macht glücklich!

Warum ist das so? Eine Spurensuche bei Musikliebenden, Musiker:innen, in der Musiktherapie und in der Neurowissenschaft.

Von Karen Cop

Es war Sommer, abends, immer noch hell. Musik spielte, als mein erster Freund, Micha, 14, über den Gartenzaun sprang: „… your lover who has just walked through the door”, seufzten die Boxen. Ich war 13, aber nie werde ich vergessen, was dann geschah, denn bis heute weckt dieses Lied mit den ersten Tönen die Erinnerung, in allen Farben, mit den Gefühlen von damals.

Und es ist nicht das Einzige: Da sind die beflügelnden Songs, die mit mir auf Reisen gingen, die Rhythmen durchtanzter Nächte und die herzzerreißenden Lieder zu Liebeskummer und Abschieden. Ich habe viele in Endlosschleife gehört, während die Arme Gänsehaut überzog, manchmal Tränen kamen oder aus tiefstem Inneren meine Stimme anschwoll und hingerissen mitsang – die Stimme, unser einziges Instrument, das jede:r von uns allzeit bereit mit sich trägt.

Die Fühler zur Welt für mehr Glückshormone

Hast du auch solche musikalischen Erinnerungen? Viele Menschen können so etwas wie den Musikfilm ihres Lebens im Kopf abspielen. Denn im Gehirn existiert ein extra Platz für unser Musikgedächtnis, das Musik speichert, ein Leben lang. Unser Gehör ist das erste funktionierende Sinnesorgan.

Schon als Ungeborenes hören wir die Stimmen der Menschen, die nahe an uns herankommen. Und die Ohren sind meistens auch die letzten Fühler zur Welt, die aufhören zu arbeiten, wenn ein Mensch geht. Dazu später mehr. Zunächst zu einer Frage: Warum und wie kann eine Melodie das Herz berühren und Emotionen wecken, obwohl sie doch aus nichts anderem besteht als aus Schwingungen?

Laut Neurowissenschaft aktiviert Musik das Belohnungssystem

Eine Antwort: Nicht nur Musik schwingt, auch unser Körper, ja, jede Zelle tut es von Natur aus. Nimmt unser Ohr musikalische Schwingungen wahr, verwandelt es die Veränderungen im Luftdruck in neuronale Signale an das Gehirn. Dort steuert das sogenannte limbische System unsere Hormone und  Botenstoffe und verarbeitet Gefühle.

Professor Dr. Stefan Kölsch, Neurowissenschaftler und einer der renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet, erläutert: „Musik kann positive Emotionen hervorrufen und dabei helfen, negative Emotionen zu regulieren.“ Denn Musik regt die Ausschüttung von körpereigenen Opiaten und Hormonen an wie Dopamin und Serotonin, dem Glückshormon, aktiviert unser Belohnungssystem.

„Ohne Trompete bin ich nicht ich“

Es entsteht das Gefühl, dass „das Herz sich weitet“, sagt Katharina Geiling, 26, Kundenberaterin bei der BKK ProVita. Sie kennt es gut, denn sie spielt in einem Blasorchester und bekommt Gänsehaut, wenn die Pauken einsetzen. Für sie ist ein Leben ohne Musik undenkbar: „Meine Trompete gehört zu mir, ohne sie bin ich nicht ich. Und ihr Klang gefällt mir.

Er ist wie ein klares Rufen, das den Alltag übertönt. Ihn mit den anderen Stimmen im Orchester zu hören, macht einfach Spaß!“ Katharina Geiling fühlt besonders bei alten Liedern, die sie mit den anderen Bläsern oft auf bayerischen Hochzeiten spielt, wie ihre Freude wächst.

Weltsprache Musik: zusammen Spielen verbindet

Andere begeistern sich für Pop, Techno oder klassische Musik. Bei der Bewertung, welche Musik uns gefällt oder anrührt, „spielen möglicherweise Ähnlichkeiten zwischen Musik und körperlichen Empfindungen eine Rolle, die wir von unterschiedlichen Stimmungen her kennen, wie Herzklopfen oder tiefes Durchatmen …“, meint Prof. Dr. Stefan Kölsch, Neurowissenschaflter und einer der renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet.

Für Stefan Klose, Leitender Mitarbeiter der BKK ProVita im Vorstandsbüro, ist Musik seit seiner Kindheit Grundnahrung: „Immer war Musik im Haus.“

Er untersucht nicht nur die Auswirkungen von Musik auf unser Gehirn, unsere Emotionen und unseren Körper, sondern spielt selbst Geige, denn „Musik ist ein Mittel zur Kommunikation, welches zwar anders als gesprochene Sprache funktioniert, jedoch ebenfalls Bedeutung übermitteln kann. Ein Mensch, der Musik spielt oder komponiert, möchte sich ausdrücken bzw. etwas mitteilen“.

Musik funktioniert dabei wie eine Weltsprache, die uns alle verbinden kann. Sie ermöglicht „eine Verständigung ohne Worte“, sagt Stefan Klose, 46, Leiter im Vorstandsbüro Recht und Politik der BKK ProVita, zudem Pianist und Sänger, „nach dem Einstieg mit der Blockflöte in der Grundschule“. Er erinnert sich an eine Begegnung seines Gemeindechors mit Familien aus einer Partnergemeinde in Vietnam: „Jede:r hat sich erst einmal mit seinen Liedern vorgestellt, dann haben wir sie gemeinsam gesungen.“

Gänsehaut für alle!

Welche Möglichkeiten über soziale Grenzen und Kulturkreise hinweg die Musik bietet, zeigt beispielweise das Orquestra Maré do Amanhã aus den brasilianischen Favelas der Armen, das Jugendlichen die Möglichkeit bietet, ein Instrument zu lernen. So wie auch das musikalische Projekt des Komponisten und Aktivisten José Antonio Abreu Anselmi, der in Venezuela das Orquesta Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar gründete, um Kindern und Jugendlichen in Slums eine Perspektive zu geben.

Sie bekommen kostenlos Zugang zu allen Musikinstrumenten ihrer Wahl. „Wir sind eine große Familie auf der Suche nach Harmonie und jenen schönen Dingen, die allein die Musik den Menschen zu bringen vermag“, meinte der 2018 verstorbene Abreu einmal. Aus seinen Projekten kamen und kommen viele berühmte Musiker, die heute weltweit in großen Orchestern spielen.

Singen und spielen in „weißen Nächten“

„Wenn man in Gemeinschaft singen und in sie eingehen kann, lässt man los“, beschreibt Stefan Klose seine „Grundnahrung“ und die Kraft des gemeinsamen Musizierens weiter. „Die Gedanken fliegen frei. Denn Musik verbindet und befreit!“ Das zeigen aufs Beste auch die Liederfeste im hohen Norden, in Lettland, Estland oder Litauen. Während der „weißen Nächte“ um die Sonnenwende zwischen Ende Mai und Mitte Juli leuchten nachts die Wolken, Städte und Natur sind in silbriges Licht getaucht, wenn die Sonne über dem Polarkreis nicht untergeht und die Menschen feiern. Die Liederfeste im Baltikum führten von 1987 bis 1991 die „singende Revolution“ gegen die Sowjetunion an.

Klaviere für alle!

Es muss natürlich nicht gleich eine Revolution sein. Aber ein bisschen Mut gehört auch dazu, bei dem Kunst- und Kulturprojekt „Play Me, I’m Yours“ mitzumachen. Das fußt auf der Idee des englischen Künstlers Luke Jerram und lädt seit 2008 von Paris bis Lima alle Menschen ein, kostenlos und nach Herzenslust auf öffentlich platzierten Klavieren zu spielen.

2017 waren es 1.700 in 55 Städten. In Augsburg zum Beispiel warten seitdem jedes Jahr im September von den Einwohner:innen bunt gestaltete Klaviere auf den Plätzen und in den Straßen der Stadt auf beherzte Hände von Passant:innen.

Das Projekt „Play me, I‘m Yours“ lädt weltweit und in vielen Städten Deutschlands Menschen auf den Straßen zum Klavierspielen, Singen und Tanzen ein, im September auch in Augsburg.

Musik weckt Glücksgefühle und ist heilsam

Zumal Musik „emotional ansteckend“ wirkt, wie Stefan Kölsch es nennt, wenn sich beim Musizieren, Musikhören sowie beim Tanzen gute Stimmung überträgt. Er ist auch davon überzeugt, dass Musik nicht nur glücklich macht, sondern den Kreislauf samt Immunsystem in Schwung bringt und sogar heilsam wirken kann, beispielsweise bei Schmerzen: „Das Schmerz-System überlappt stark mit dem Spaß-System.

Weil Musik das  aktivieren kann, kann sie auch bei chronischen Schmerzen helfen. Musiktherapie kommt deshalb bei Schmerz- und Krebspatient:innen zum Einsatz, aber auch bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und  vielen mehr.

Das musikalische Gedächtnis

Außerdem spielt Musik eine zunehmend größere Rolle bei der Behandlung von Patient:innen im Koma oder mit Demenz. Denn verschiedene Studien haben gezeigt, dass Musik sie noch erreicht, selbst wenn jeder andere Kontakt zur Welt verloren geht. Musiker:innen können oft noch Noten lesen und ihr Instrument spielen, obwohl sie sonst nichts und niemanden mehr erkennen. Das musikalische Gedächtnis scheint im Gehirn unabhängig zu sein und alte Erinnerungen wachrufen zu können. Auch meine Familie hat meinem an Alzheimer erkrankten Großvater Lieder aus seiner Jugend vorgespielt – das beruhigte ihn nicht nur, er  wirkte glücklich auf seiner Erinnerungsinsel.


MAGAZIN fürs LEBEN Ausgabe 2-2022

Dieser Beitrag erschien zuerst im „Magazin fürs Leben“ (Ausgabe 2/2022). Unsere Mitgliederzeitschrift bietet viermal im Jahr viele spannende Themen.

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Karen Cop

Karen Cop ist Journalistin, liegt gerne auf Mooskissen und schaut in hohe Baumkronen. Der BKK ProVita ist sie seit vielen Jahren als Autorin, seit einigen Jahren auch als Redaktionsleiterin des Mitgliedermagazins verbunden.