https://bkk-provita.de/aktuelles/hallo-baby/

BKK ProVita

Hallo, Baby!

Wie man die erste Zeit mit Baby genießen kann | Tipps von Eltern und Expert:innen

Die Zeit rund um die Geburt gehört zu den aufregendsten des Lebens, für alle! Wir haben uns bei Eltern von Babys umgehört, was ihnen jetzt besonders wichtig ist – und wie sie sich so organisieren, dass sie das Wochenbett und erste Zusammenwachsen genießen können. Eine Geburtsvorbereiterin gibt Tipps, wie Babys beruhigt werden können, Geborgenheit spüren und ihren Schlafrhythmus finden.

Plus: Interview mit einer Trageberaterin und einem neunfachen (!) Vater. Beide geben Tipps für Tragehilfen und Tragetücher zum bequemen Babytragen. 

Von Karen Cop

Die Monate vor und nach der Geburt eines kleinen Menschen sind von Liebe, Wundern und Grenzerfahrungen geprägt – eine Zeit voller Gefühle zwischen Glückstaumel und Kraftproben und, vor allem beim ersten Kind, voller Premieren! Gibt es dafür eine Generalprobe?

Susanne Oechsner hat als Expertin viele Tipps für die Zeit um die Entbindung parat

Laut Susanne Oechsner, Geburtsvorbereiterin (GFG), Geburtsbegleiterin und Qigong-Lehrerin in München, ist keine nötig, denn: „Gebären ist wie atmen, das ist im Stammhirn gespeichert. Jede Zelle im weiblichen Körper weiß, wie es geht. Wir müssen nur vom Kopf her in den Geburtsmodus kommen und den Neokortex herunterfahren, dann ist gebären wie Liebe machen.“

Gebären ist wie atmen“ (Susanne, Hebamme & Qigong-Lehrerin)

(Hier mehr lesen zum Thema Geburtsschmerz)

„Der Körper ist ein Wunder!“, sagt Gabriele Wackerl, 41, Finanzbuchhalterin bei der BKK ProVita – und das, obwohl sie Multiple Sklerose hat. Ein wichtiger Grund für sie zu überlegen: „Sollen wir es wagen?“ Dank ihrer positiven Lebenseinstellung beantwortete sie die Frage mit Ja: „Ich habe den richtigen Partner, das passende Umfeld, bin medikamentös gut eingestellt, und es war die richtige Zeit: Wenn nicht jetzt, dann nie!“

„Der Körper ist ein Wunder! Wahnsinn, ich hätte Bäume ausreißen können!“ (Gabriele, Mutter)

Mit dem ersten Baby lernt man echte Hingabe

Im Februar kam Magnus auf die Welt, ein „absolutes Wunschkind“. Ein paar Wochen zu früh, aber ohne Komplikationen, bei einer normalen Entbindung. „Wahnsinn, ich hätte Bäume ausreißen können!“, erzählt Gabriele Wackerl weiter, auch um anderen Mut zu machen. Sie ist froh, dass sie sich nicht von Zweifeln hat unterkriegen lassen. Seitdem ist sie überglücklich, wenn sie auf ihr „Männer-Dream-Team“ schaut, und könnte den kleinen „manchmal auffressen vor Liebe. Papa geht’s genauso.“

Durch das Baby komplette Hingabe lernen

Susanne Oechsner hat eine Erklärung: „Bei der Geburt lernen wir diese komplette Hingabe auf natürliche Weise, denn das ist auch das, was das Kind danach ununterbrochen braucht.“ Sie meint: „Wenn man bis dahin nicht so lieben kann, kann man es mit dem Kind lernen.“

Gabriele Wackerl hatte schon vor der Schwangerschaft mit Klangschalen-Meditationen und positivem Visualisieren Erfahrungen gemacht, aus denen sie nach der Geburt ihres Babys „viel rausziehen kann. In der Ruhe liegt die Kraft, mich nicht rausbringen zu lassen, auch wenn Magnus schreit“. Was schließlich ganz normal ist, denn Babys können sich noch nicht anders äußern. Sie schreien, wenn sie Hunger haben, aber auch, wenn an dem Tag viel los war und sie überreizt sind.

Stressfrei stillen tut allen gut

Dann ist es für Eltern wichtig, Geborgenheit zu vermitteln und nicht in Stress zu geraten, „denn bei Stress stockt der Atem, und das Kind wird noch unruhiger“. Mal abgesehen davon, dass auch bei den Müttern die Muttermilch entspannter fließt, wenn sie sich entspannen können. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Stresshormone die Ausschüttung von Stillhormonen verzögern oder reduzieren; ein Milchstau oder eine Brustentzündung können entstehen. Umgekehrt leiden stillende Mütter weniger unter Stress, weil beim Stillen die wohltuenden Hormone Oxytocin und das Milchhormon Prolaktin ausgeschüttet werden. Und wenn der Stress schon da ist? Kann Papa entlasten, oder auch Freund:innen und Großeltern. Und bei entzündeten Brustwarzen oder schmerzenden Brüsten hilft die Hebamme auch in den Wochen nach der Geburt.

Das Nickerchen lässt sich nachholen

Susanne Oechsner empfiehlt den Müttern, die Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem zu legen, „ihn bewusst wahrzunehmen“. Auch das spüre das Kind. Für viele Eltern wird das Weinen des Babys zur Nervenprobe, sie probieren verschiedene Stellungen aus, auf dem Arm, schaukelnd, laufend, aber das „bringt noch mehr Aufregung. Lieber eine Stellung beibehalten, immer das Gleiche machen, dazu summen, das beruhigt“, rät die Qigong-Lehrerin, selbst Mutter von zwei Kindern.

Auch wenig Schlaf muss nicht schlimm sein. „Ich habe es oft genossen, nachts mit meiner neugeborenen Tochter auf dem Sofa zu sitzen – nach dem Stillen, wenn alles still war“, blickt Andrea Reichardt, Mutter von zwei größeren Kindern, zurück. „Ich habe an meiner Tochter geschnuppert und einfach nur dieses Mein-Baby-und-ich-Gefühl aufsteigen lassen, während keiner mich störte.“

Mit Baby und Geschwisterkind ist immer was los!

Die Großeltern einbinden!

Magdalena Mazur, 30, Musikmanagerin und Mechatronik-Studentin, ist beim zweiten Kind pragmatischer geworden. „Man muss organisierter sein, ist aber auch entspannter, denn man kann das schon: stillen, beruhigen … Windeln, Nuckel und Tücher packe ich automatisch ein.“ Und zum Glück findet die große Schwester Ella, 4, ihren kleinen Bruder Bruno „megasüß“. Zumal der sich jeden Morgen „ganz schön doll freut, sobald er sie erblickt. Insgesamt fühlt sich alles noch runder an, vor allem auch, eine Familie zu sein“.

„Mit dem zweiten Baby fühlt sich alles noch runder an“ (Magdalena, zweifache Mutter)

Zudem entlastend für sie: Ihre Eltern wohnen in der Nähe und freuen sich über die aufgeweckten Enkelkinder. Und die Eltern können sich endlich mal entspannt zurücklehnen oder etwas für sich selbst tun – Freunde treffen oder „nur“ zu zweit sein.

Erschöpft in der ersten Zeit mit Baby

Gerade beim zweiten Kind wird die Zeit mit dem Partner weniger, weil sich jeder um ein Kind kümmert. Dann ist es umso wichtiger, Paarzeiten bewusst zu planen und wahrzunehmen, um sich nicht aus den Augen zu verlieren.

Viele Frauen bekommen in der Zeit auch den Baby-Blues. Sie fühlen sich öfter erschöpft, sind besonders empfindsam und den Tränen nah – ein Stimmungstief, das normalerweise bald vorübergeht. Aber es muss nicht verschwiegen werden, wenn sich nicht gleich nach der Geburt alles nach purem Babyglück anfühlt. Am besten gleich beim ersten traurigen Anflug die Hebamme ansprechen!

Jedes Kind ist anders

Christa und Martin Hefele mit Roland (Foto: privat)

Noch ein Tipp: sich nicht unter Druck setzen oder setzen lassen! Christa Hefele, 32, Team freiwillige Versicherung bei der ProVita, und ihr Mann Martin planen abends kein großes Programm mehr, seitdem ihr inzwischen vier Monate alter Sohn Roland zu ihnen gehört: „Wir singen ihn zusammen in den Schlaf“, sagt sie.

Obwohl um sie herum gerade viele Freundinnen Babys bekommen haben, „vergleiche ich aber lieber nicht. Jedes Kind ist anders, man muss sich auf den Charakter einlassen“.

Tipps für Babys guten Schlaf

Und dann schauen, was passen könnte. Roland wurde beispielsweise „gepuckt“. Das heißt, fest in Tücher gewickelt zum Einschlafen: „Anfangs hat er nachts wild um sich geschlagen, das Pucken hat ihn beruhigt. Nach ein paar Stunden habe ich ihn wieder ausgepackt“, erzählt Christa Hefele weiter.

Geburtsbegleiterin Oechsner gibt „ihren“ Eltern den Tipp, die Kleinen so hinzulegen, dass die Füßchen zuerst Kontakt mit der Unterlage haben. „Dann seitlich abrollen und den Kopf zum Schluss hinlegen, damit das Baby nicht das Gefühl hat, dass es fällt.“ Aber Regeln dafür gibt es nicht.

Keine Zeit mehr für Perfektionismus

Oder, um es mit Gabriele Wackerls Worten zu sagen: „Ich habe nicht alles gelesen, aber vieles ziehen lassen. Ich bin ein kleiner Perfektionist, vor allem bei der Haushaltsführung. Jetzt sind die Prioritäten anders. Unser Kind ist die Nummer eins, und ich setze mich nicht mehr selbst unter Druck. Das tut der ganzen Familie gut!“

Gesundheitstipp: „Hallo Baby“

…heißt auch das kostenfreie Vorsorgeprogramm der BKK ProVita zur Verhinderung von Frühgeburten. Mehr darüber und teilnehmende Frauenärzt:innen: bkk-provita.de/hallo-baby.


Was heißt eigentlich…

PUCKEN kann beruhigen

Neugeborene haben den sog. Moro-Reflex: Sie zucken plötzlich zusammen, reißen die Augen auf und die Arme auseinander. Das dauert nur kurz, aber wenn das Baby schläft, kann es danach wach sein. Viele Kinder beruhigt es und sorgt für ein schönes Einschlafen, wenn sie fest in Tücher eingewickelt werden, sodass Arme und Beine eng am Körper liegen wie in Mamas Bauch. Aber nicht zu fest! Lieber von einer Hebamme anleiten lassen.

Mit STOFFWINDELN wickeln

„Drei Kinder nah beieinander, da war der Müll unvorstellbar.“ Mama Stephanie Oppitz setzte auf Stoffwindeln und gründete vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen die Windelmanufaktur, heißt: Windelhöschen und Einlagen, die so praktisch wie Wegwerfwindeln sind, dicht halten, aber „ein Nässe-Feedback“ geben und voll auf die Hautbedürfnisse des Babys abgestimmt sind.

TRAGEN verbindet

Das Tragen seines Babys und Kindes gehört schon seit der Steinzeit zum Elternsein dazu. Kein Wunder: Es sichert das Überleben des Nachwuchses! Wenn Babys auf die Welt kommen, sind sie darauf angewiesen, herumgetragen zu werden. Unsere Babys sind Traglinge. Dadurch bekommen sie Nähe und Wärme, hören vertraute Geräusche. Unsere Bewegung hilft den Babys, ihren Körper-Rhythmus anzupassen und ruhig zu atmen, und unterstützt auch die Verdauung. Das Tragen gibt Sicherheit und fördert die Entwicklung des Kindes – egal, ob auf dem Arm, mit einer Trage oder in einem Tuch.

(Mehr zu verschiedenen Trageformen in den nachfolgenden Interviews.)

Die Bindung zwischen Bezugsperson(en) und Kind kann durch das Tragen gefördert werden. Ein sicher gebundenes Kind entwickelt im späteren Leben schneller Vertrauen zu anderen Mitmenschen, es möchte die Welt erkunden und kann mit Stress besser umgehen.

(Hier mehr lesen zu frühkindlicher Bindung)


„Das Baby mag am Körper sein“ – Interview mit Trageberaterin Laura Dingel (Tragenetzwerk e.V.)

Das richtige Tragen des Babys will gelernt sein

Frage: Welche Vorteile hat das Tragen für das Kind?

Das Baby kennt aus dem Bauch schon die Geräusche, die Bewegungen und die Stimmen der Mutter und ihres Umfelds. Getragen zu werden erleichtert den Start ins Leben für das Kind. Es wirkt beruhigend, bietet motorische und sinnliche Anregung und kann weniger Schreien und weniger Koliken und Verdauungsprobleme bedeuten. Das betrifft das Tragen allgemein, ob auf dem Arm, mit Trage oder im Tuch. Das Baby mag am Körper sein. Es braucht Körperkontakt, um sich gut zu entwickeln.

Welche Vorteile hat es für Eltern?

Das Kind kann mit einer Tragehilfe oder einem Tragetuch ganz nah an den eigenen Körper gebracht werden, was zugleich bedeutet, dass die Belastung für die Trageperson so gering wie möglich ist. Das wirkt sich auch positiv auf deren Haltung aus. Die Hände sind frei, das ist ein ganz praktischer Vorteil. Man kann Dinge machen, die mit Kind auf dem Arm oder im Kinderwagen nicht ganz so leicht sind. Also zum Beispiel Treppensteigen, einen Spaziergang über unebene Wege oder die Betreuung von Geschwisterkindern.

Tragen fördert die Feinfühligkeit

Durch das Tragen mit Blick- und Körperkontakt können die Bezugspersonen zugleich ihre Feinfühligkeit trainieren. Feinfühligkeit ist die Grundlage für eine sichere Bindung zum Kind. Feinfühligkeit bedeutet, dass wir die Signale des Neugeborenen beobachten, kennen- und deuten lernen und dann angemessen auf seine Bedürfnisse reagieren. Beim Tragen sehen und spüren wir unmittelbar, wie es dem Kind gerade geht: Ist es müde, hat es Hunger oder ist es unter Spannung? Die tragenden Personen verbessern mit der Zeit ihre Feinfühligkeit und können schneller auf die Signale des Kindes reagieren.

Dürfen auch andere Personen das Baby tragen?

Ja, das Tragen ist eine tolle Möglichkeit für Papas und andere Familienmitglieder, die Mutter im Wochenbett und darüber hinaus zu entlasten. Die Mutter braucht dabei auch keine Angst haben, dass dadurch ihre Bindung zum Kind beeinträchtigt wird. Das kleine Neugeborene kann ja schon mehrere Bezugspersonen haben. Tragen können also auch Partner:in, Oma, Opa oder große Geschwister.

Baby auf den Rücken, und los geht's

Warum sollte man sich vor dem ersten Tragen beraten lassen?

Natürlich muss man keine Trageberatung machen, um zu tragen. Aber eine Beratung kann eine gute Sache sein, um schnell einen Überblick über verschiedene Tragemöglichkeiten zu bekommen und diese unter Anleitung zu üben. Man sollte darauf achten, dass man eine herstellerunabhängige Beratung bekommt.

Nicht alle fertigen Tragehilfen passen auch

Wenn man sich eine Tragehilfe bestellt, weil sie eine tolle Bewertung hat, kann es passieren, dass diese vielleicht gar nicht zu einem passt. Es hängt von der Größe und Statur des Kindes und der der tragenden Person und ihren persönlichen Vorlieben ab. Gerade bei fertigen Tragehilfen kann es passieren, dass diese z. B. nur großen Menschen oder Menschen mit breiten Schultern gut passen. Manche Tragen sitzen nicht bequem. Ich vergleiche das gerne mit einem Schuhkauf. Natürlich kann man sich Schuhe in der üblichen Größe bestellen. Das heißt aber noch nicht, dass diese dann auch wirklich passen und bequem sind. Die Beratung kann effektiv dabei helfen, eine gute Lösung zu finden.

Was gilt es beim Einsatz eines Tragetuchs bzw. einer Tragehilfe zu beachten?

Für sicheres und bequemes Tragen sind die freie Atmung des Babys, die aufrechte Position und der rundum sichere Halt wichtig. Für freie Atemwege sind zwei Dinge maßgeblich: die feste Stützung in der aufrechten Position, damit das Zusammensinken des Babys, verhindert wird, und die unbedeckte Nase. Das Baby sitzt ideal mit angehockten und leicht gespreizten Beinchen im Tragetuch, der Rücken ist bei Entspannung des Babys leicht gerundet.

Ist das Kind müde oder schläft es, legt es den Kopf ab: beim Tragen vor dem Bauch auf der Brust der/des Tragenden, beim Tragen auf dem Rücken im Nacken der/des Tragenden. Ist das Kind wach, hält es seinen Kopf und streckt seinen Rücken, bei Neugeborenen ohne Kopfkontrolle braucht der Nacken noch zusätzliche Stützung. Der Tuchbeutel sollte bis zum Nacken reichen, bei Neugeborenen, die noch viel schlafen, bis knapp an die Ohren. Die Unterschenkel und Füße sind frei. Der Popo und die Oberschenkel sind gestützt, dafür sollte der Stoff bis kurz vor die Kniekehle reichen.

Das Tragen des Babys fördert die Feinfühligkeit

Tragen soll Spaß machen!

Für die tragende Person ist Folgendes wichtig, um die Belastung von Körpermitte, Beckenboden und Rücken zu reduzieren: Baby (Schwerpunkt) dicht am Körper, aufrechte Körperhaltung, angenehme Gewichtsverteilung durch bequeme Trage/Bindeweise und für die Situation passende Trageposition (vorne, seitlich oder hinten). Ganz wichtig ist es, in sich hinein zu spüren und rechtzeitig Pause zu machen, um Überlastung zu vermeiden. Tragen soll Entlastung bringen und Spaß machen!

Wie lange am Stück kann oder soll das Kind getragen werden?

Tragen ist am Anfang wie ein neuer Sport. Da renne ich ja auch nicht gleich einen Marathon! Also erstmal eine kurze Runde testen und dann wieder ausruhen. So kann sich der eigene Körper, die Muskulatur daran gewöhnen. Wenn ich trainiert bin, kann ich auch mehrere Stunden über den Tag verteilt tragen. Das Kind kann eigentlich nicht zu viel getragen werden: Es wird ganz deutlich und sehr prompt zeigen, wenn es genug vom Tragen hat.

Welche Vor- oder Nachteile haben vorgefertigte Tragehilfen gegenüber Tragetüchern?

Bei der Tragehilfe braucht man zu Beginn ein bisschen mehr Zeit, um eine passende zu finden. Das Anlegen selbst kann man recht schnell lernen.

Bei einem Tragetuch, ob elastisch oder gewebt, kann man mehrere Trageweisen binden, das ist vor allem Übungssache. Es zu lernen, braucht Zeit und einige Wiederholungen, wie beim Einstudieren einer Tanzchoreografie. In einer Trageberatung gibt es zum ersten Üben eine Tragepuppe und die persönliche Anleitung einer Fachperson. Wer in Übung ist, kann Tragehilfe und Tragetuch etwa gleich schnell anlegen.

Wichtig beim Tragetuch ist, dass die Länge zur eigenen Körpergröße passt. Oft können sich Vater und Mutter dennoch ein Tuch teilen, weil es da nur um 10, 20, 30 Zentimeter Unterschied geht. Das Tuch lässt sich im Gegensatz zur Tragehilfe flexibel binden und wächst damit automatisch mit dem Kind mit.

Verstellbare Tragehilfen passen meistens entweder gut im ersten Lebensjahr, oder sie passen gut vom Ende des ersten Lebensjahres bis zum dritten Lebensjahr. Es gibt zwar Tragehilfen, die von 3,5 bis 20 Kilo zugelassen sind – das entspricht einem Kleidergrößen-Sprung von etwa Größe 50 bis Größe 116. Das bedeutet aber nicht, dass man damit sicher und bequem von Geburt bis zum 5. Lebensjahr tragen kann. So lange wächst keine Tragehilfe mit.

Ob Tragetuch oder Tragehilfe ist eine persönliche Entscheidung, die zum Alltag und den Bedürfnissen der Familie passen muss.

Darf man Kinder auch auf dem Rücken tragen?

Ja, man kann Kinder sogar schon relativ früh auf dem Rücken tragen, was für viele Eltern in unserem Kulturkreis zunächst ungewohnt erscheint. Das Tragen auf dem Rücken ist aber weniger anstrengend, und Eltern können noch leichter Tätigkeiten im Alltag bewältigen. Es ist von Vorteil, wenn man schon Trage-Erfahrung hat, da das Handling (mit einem Tragetuch) auf dem Rücken etwas schwieriger ist.

Tragen auf dem Rücken bringt Eltern die meiste Entlastung

Ob ich mein Kind lieber vorne oder auf dem Rücken trage, hängt natürlich auch von der Situation ab: Wenn ich übers Oktoberfest spaziere, trage ich womöglich auch mein größeres Baby lieber vorne, weil ich es dann noch mit den Armen zusätzlich schützen kann. Im normalen Alltag, wenn ich Entlastung haben möchte und mein Baby einen guten Ausblick haben soll, ist das Tragen auf dem Rücken meine bevorzugte Trageweise.

Fotos: Laura Dingel privat


„Man hat zwei Hände frei“ – Interview mit Nils Hitze (38), Vater von neun Kindern, Webentwickler & Blogger 

Frage: Wann und warum habt ihr euch fürs Tragetuch entschieden?

Der Impuls kam von meiner Frau. Eine fertige Tragehilfe hatten wir schon relativ früh, die fanden wir auch sehr praktisch. Sie hatte aber leider eine bescheidene Haltung der Beine, und es war immer ein bisschen „technisch“, als würde man sich einen Rucksack anziehen. Es folgte noch ein anderes „Fertig-Produkt“ – diesmal weicher, zum Binden der Gurte und mit guter „Anhock-Spreiz-Haltung“. 2015 hat meine Frau Jeanine dann einen Kurs für Trageberater:innen gemacht und mich gleich als ersten Freiwilligen eingespannt. Spätestens von da an war es um uns geschehen!

Welche positiven Effekte (psychisch und physisch) hat das Tragen fürs Kind/fürs Elternteil?

Die Trageart Typ „Känguruh“ (meine Worte) finde ich persönlich, gerade bei kleinen Babys, sehr gemütlich, gut verpackt und liebevoll. Physisch hat man damit zwei Hände frei und kann sich um andere Kinder kümmern – oder um die Spülmaschine … Psychisch weiß ich: Das Kind ist gut aufgehoben, hat Körperkontakt, Wärme und Nähe und damit alles, worauf es ankommt.

Wie viele Kinder habt ihr schon getragen?

Schwierig zu sagen! Ich zähle mal die fertige Tragehilfe nicht dazu, aber meine mich zu erinnern, dass meine Frau 2008 erste Gehversuche mit Tragetüchern gemacht hat, also sieben Kinder.

Das Tragen des Babys sorgt für körperliche Nähe

Bis zu welchem Alter oder Gewicht des Kindes tragt ihr?

Bis das Kind zu schwer wird oder trageunwillig – meist so bis zum Alter von 1,5 Jahren. Gelegentlich hat man auch noch mal ein Kind in der Rucksacktrage, das ist aber eher die Ausnahme, weil die echt ganz schön schwer sind. Auf Ausflügen ist die Rucksacktrageweise aber immer noch leichter, als ein Kind auf dem Arm hängen zu haben…

Ihr tragt beide – gibt es Unterschiede zwischen Papa und Mama als Träger:in?

Mama hat viel mehr Routine bzw. kann sogar zwei Kinder – vorne und hinten – tragen. Papa ist eher ein Träger mit einer einzigen Bindetechnik („Never change a running system“).

Welche Vorteile hat das Tuch gegenüber fertigen Lösungen?

Das Tuch hat, je nach Tuchstoff und Länge, mehr Flexibilität beim Binden. Fertige Lösungen sind eben genau das – One-size-fits-all, mit einem Gurt, den man ein bisschen verstellen kann. Problem: Wir sind nicht alle gleich, sondern haben eine ganz unterschiedliche Körperhaltung. Tragetücher sind da wesentlich besser an den Körper anpassbar, zumal man ja auch noch zig verschiedene Bindetechniken hat – und verschiedene Stoffe, für alle Jahreszeiten und Temperaturen.

Fotos: Nils Hitze privat


Dieser Beitrag erschien zuerst im „Magazin fürs Leben“ (Ausgabe 3/2021). Unsere Mitgliederzeitschrift bietet viermal im Jahr viele spannende Themen.

Hier die aktuelle Ausgabe online lesen!

Über Karen Cop

Karen Cop ist Journalistin. Der BKK ProVita ist sie seit vielen Jahren als Autorin, seit einigen Jahren auch als Redaktionsleiterin des Mitgliedermagazins verbunden.

Ihre beiden Kinder sind schon groß, aber sie genießt es weiter, Mami zu sein: Weil es herrlich ist, durch die Augen seiner Kinder einen anderen Blick auf die Welt zu bekommen, und so schön, sich gegenseitig mit Aufmerksamkeit zu überschütten – auch wenn das manchmal anstrengend sein kann!